Tag der Monster (Teil I)

Los, lesen Sie! Schnell, bevor diese Geschichte dahin verschwindet, wo sie hingehört: Ins Giftschränkchen. Sie spielt Mitte der 1990er am ersten Tag meines Zivildienstes bei der Caritas. Haupteinsatzgebiet: Mobile Altenpflege. Ich erinnere mich gerne zurück, denn die Arbeit hat trotz aller traurigen Aspekte großen Spaß gemacht und mich nachhaltig geprägt. Das Schönste am Zivildienst jedoch war, dass ich einen meiner heute noch besten Freunde kennen lernen durfte. Rüdiger.

„Olaaaaaf?“ Wenn Rüdiger redet, erinnert das immer ein wenig an Samson, den behäbigen Bär aus der Sesamstraße. Er zieht die Vokale unendlich in die Länge. „Duuu, Olaaaaaf, darf ich dich was fraaaagen?“ Wir saßen in der Sozialstation und aßen unsere Morgenstulle. Die Stationsschwester hatte uns einander erst vor wenigen Minuten vorgestellt. „Klar, schieß los“, antwortete ich. „Hat dir jemand mit dem Hammer auf den Dauuuumen gehauuuuuen?“ Ich war irritiert. Sollte das tatsächlich die Frage sein, mit der Rüdiger unsere fünf gemeinsamen Monate bei der Caritas einleitete? Er hatte bereits 10 Monate hinter sich und sollte mich einarbeiten. „Äh!?“ Sprachlos betrachtete ich meine Daumen. Nun ja, ich musste zugeben, meine Daumen, oder vielmehr meine  Hände, hatte ich nie für besonders zierlich gehalten. Aber dieser Vergleich? Rüdiger und ich pressten die Daumen nebeneinander auf die Tischplatte. Ich lachte laut. „Unfassbar! Meine sind ja dreimal so groß wie deine“, kommentierte ich kopfschüttelnd den enormen Größenunterschied. „Monsterdauuuumen“, erwiderte Rüdiger. „Da müssen wir erst mal schauen, ob wir hier überhaupt geeignete Einmalhandschuhe für dich finden.“ Das Eis war gebrochen. Wir brauchten einige Minuten, um uns vom Lachanfall zu erholen. Seitdem liebe ich den großen, dunkelhaarigen Rüdiger, der wie Samson spricht, knöchrige Finger hat und nur nach außen lieb und unschuldig wirkt. Denn er trägt – ganz wie ich – sehr viele Monster mit sich herum. Diese kleinen Biester sitzen im Oberstübchen und experimentieren mit Strom. Manchmal verursachen sie synaptische Fehlzündungen, die einen Menschen kranke Dinge tun lassen. In seltenen Fällen erkennt man solche Menschen an völlig überdimensionierten Monsterdaumen. Achten Sie mal drauf!

Wir fanden Einmalhandschuhe in Größe XL, in denen sich meine Hände wunderbar hinein schmiegten. Rüdiger setzte sich ans Steuer unseres Dienstwagens, ein klappriger VW Polo, und reichte mir den Einsatzplan. „Herr Haldenhofen, Frau Suhr und Frau Kienrich.“ Das waren die Patienten, die wir bis zur Mittagspause zu versorgen hatten. Rüdiger fuhr einen flotten Zahn. So langsam er auch redete, seine schwerfällige Art spiegelte sich in keiner Weise in seinem Fahrverhalten wider. Ich griff mehrmals ins Leere auf der Suche nach den seitlichen Haltegriffen. „Die gibt’s hier nicht“, witzelte Rüdiger beim Durchfahren einer scharfen Linkskurve mit Tempo 80. „Mein erster und letzter Tag beim Zivildienst“, dachte ich, als wir mit Vollbremsung zum Stehen kamen. „Da sind wir. Das war Rekord“, jubelte Rüdiger. „So, Olaf, du lernst jetzt gleich Herrn Haldenhofen kennen.“ „Cool!“ ich freute mich auf meinen ersten Patienten und wollte aus dem Wagen steigen. Doch Rüdiger zog mich mit einem heftigen Ruck zurück in den Sitz. „Erschrick nicht! Ich nenne ihn: Das Monster!“. Ausnahmsweise verzichtete Rüdiger auf langgezogene Vokale, was seinen Satz noch bedrohlicher machte. Mir war mulmig, als wir vor der Türe standen. Ich suchte am riesigen Schlüsselbund und fand den Sicherheitsschlüssel zur Wohnung des Monsters. Rüdiger hatte sogar das kleine rote Plastikschildchen entsprechend beschriftet. Ich holte tief Luft und öffnete die Türe. Sie knarrte. Selbstverständlich. „Herr Haldenhofen wohnt im Keller“, flüsterte Rüdiger. „Wo auch sonst“, dachte ich. Wir gingen die Treppe hinunter als uns Herr Haldenhofen schon entgegengeschlurft kam. Er trug braune Cord-Pantoffel, eine dunkelblaue Jogginghose mit Bundfalte und ein weißes Feinripp-Unterhemd, das bis zum Zerbersten angespannt war. Ich hatte noch nie eine solch ausgeprägte „Fleischtrommel“ gesehen. Der Kugelbauch brachte das Unterhemd beinahe zum Platzen. Da stand es vor uns, das 158 Zentimeter große Monster. Herr Haldenhofen blickte durch seine völlig fettverschmierte Hornbrille, in die man Glasbausteine eingearbeitet hatte. Dahinter sahen seine Augen riesig aus. Man sah sofort, dass es auch geistig nicht besonders gut um ihn stand. Seine schwarzen Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab. „Momomomomomogen“, stotterte er. „MMOOOIIINN!“ schrie Rüder. „MORGEN!“ Ich schloss mich Rüdigers Lautstärke an. „Los, Handschuhe an!“ Rüdiger reichte mir die Gummihandschuhe während Herr Haldenhofen weiter auf uns zuschlurfte. Ich schaute fragend zu Rüdiger. „Sag ich doch, ein Monster.“ Herr Haldenhofen war jetzt so nah, dass ich den Grund für seinen Spitznamen erkannte. Lediglich drei braune Stumpen prangten im Mund, aus dem sich ein unglaublicher Gestank verbreitete. „Nein, keine Angst, der Geruch kommt nicht aus dem Mund. Herr Haldenhofen hat die Windel voll.“ Rüdiger sah sich keineswegs zur Diskretion veranlasst und blieb in gewohnter Lautstärke. „Stimmts, Herr Haldenhofen?“ Der wusste nicht recht darauf zu antworten und starrte mich ausdruckslos durch die Lupengläser an. Seine Gesichtszüge kamen mir bekannt vor. Wo hatte ich diesen Menschen schon mal gesehen? Ich rätselte. Im fernen Licht seines Wohn-Schlaf-Raumes konnte ich jetzt auch die Deformation seines Halses erkennen. Es war ein Mega-Kropf. Sofort war mir die Notwendigkeit der Feinripp-Mode klar. Ein normales Shirt oder gar einen Pullover würde er niemals über diesen Hals bekommen. Wir betraten das Reich von Herrn Haldenhofen. Ein relativ großer, multifunktional eingerichteter Raum im Keller des Hauses. Das obere Stockwerk bewohnte seine Tochter nebst Familie. „Irgendwie unheimlich“, dachte ich. „Erinnert mich an das verzweifelte Leben in einem Kriegsbunker, während draußen die Flieger ihre Bomben abschmeißen.“ In der Ferne hörte ich eine Sirene heulen. Herr Haldenhofen besaß eine durchgelegene Schlafcouch, einen Tisch mit nur einem Stuhl, einen alten Schwarz-Weiß-Fernseher und einen Hochdruckreiniger. „Was ist denn das?“ Ich deutete auf das gelbe Monstrum. Ich konnte etwas von 30bar lesen. „Das brauchen wir gleich. Was meinst du, warum das komplette Zimmer gekachelt ist?“ Tatsächlich. Erst jetzt bemerkte ich, dass der gesamte Raum bis zur Decke cremefarben gefliest war. Und in einer Ecke des Zimmers entdeckte ich nun auch den Abfluss und die Wandarmaturen. „Das glaube ich nicht.“ Fassungslos schaute ich zu Rüdiger. „Doch, doch, alles in einem hier. Das Bad ist gleich mit ins Wohn-Schlafzimmer integriert.“ Wofür wir den Hochdruckreiniger brauchten, wurde klar, als wir die Windel öffneten. „So sieht das jeden Tag aus“, kommentierte Rüdiger, während ich meinen Würgereiz nur mühsam unterdrücken konnte. „Schau mal seine Finger.“ Vorsichtig griff ich nach der Hand des Monsters und lies sie sofort wieder los. „Mache ich jeden Tag sauber.“ Rüdiger grinste. Mir kamen erste Zweifel, ob ich mit der Kriegsdienstverweigerung alles richtig gemacht hatte. Wie fortan täglich, nahm ich eine Feile und säuberte die Fingernägel von Herrn Haldenhofen, der sich nachts im Schlaf verständlicherweise immer am Hintern juckte. Der Griff zur Zahnbürste war eine reine Pro-forma-Handlung und seit Jahren ohne medizinischen Nutzen. Das Rasieren hingegen eine Art Grenzerfahrung. Ich habe in meinem Leben nie wieder einen Menschen mit so starkem Bartwuchs getroffen. Herr Haldenhofen, da gab es für mich nicht den geringsten Zweifel, musste eine gewaltige Hormonstörung haben. Testosteron in hundertfacher Überproduktion. Ich war auf das Ausmaß der Produktionsstätte gespannt. Ich darf vorwegnehmen, dass es anscheinend keine Korrelation zwischen Fabrikgröße und Output gibt. Herrn Haldenhofens Hoden waren ausnahmsweise normal gewachsen. Der extreme Bartwuchs jedoch brachte Rüdiger und mich auf eine Idee. An dieser Stelle schienen unsere Oberstübchen-Monster die erste Fehlzündung des Tages verursacht zu haben. Während wir uns kreativ an den Haaren von Herrn Haldenhofen vergingen, wurde mir klar, an wen er mich so sehr erinnerte.

Hochdruckreinigung. So traurig Umstand und Notwendigkeit dieses Geräteeinsatzes auch waren, die Reinigungsarbeiten haben uns Spaß gemacht. Zumindest bis zu Rüdigers Lachanfall. Ich stoppte die Maschine und sah ihn an. „Was?“ Aber Rüdiger brachte vor lauter Lachen kein Wort heraus. Im Gegensatz zu Herrn Haldenhofen, der sich bereits beschwerte, weil es ihm ohne Wasser kalt wurde. Ich machte weiter und schaute dabei zu Rüdiger, der Tränen vergoss. Da auch drei weitere Nachfragen erfolglos blieben, gab ich schließlich auf. Sollte er das, worüber er sich so köstlich amüsierte, für sich behalten. Ich hatte meinen eigenen Spaß. Bei der nachfolgenden Fotosession.

Einzig mit frischer Windel und Hornbrille bekleidet, musste Herr Haldenhofen mit uns zusammen posieren. „Wir und das Monster“ war der Titel der Fotoserie, deren Veröffentlichung uns wohl selbst heute noch drei Jahre Knast ohne Bewährung einbringen würde. Wir rückten gerade für ein Foto mit Selbstauslöser ganz dicht zusammen, als Rüdiger plötzlich zusammenzuckte, um einer Berührung mit mir auszuweichen. „Was?“ frage ich wieder und schaute auf Rüdigers Zahnlücke, die durch sein Grinsen besonders stark hervortrat. Er unterdrückte sein Lachen durch gewaltsames Zusammenpressen von Ober- und Unterlippe und schaute mich mit feuchten Augen an. Er sagte kein Wort, verriet sich aber durch seinen Blick, den es immer wieder auf meine linke Schulter zog. Völlig geschockt entdeckte ich das braune Monster. Angeekelt riss ich dich Augen auf und versuchte das Ding auf meinem weißen Pullover näher zu betrachten. Es blitzte zweimal hintereinander. Schade, dass Fotoapparate damals noch keinen Ton aufzeichnen konnten. Mein dreiminütiges „Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!“ hätte dem festgehaltenen Szenario sicher einmal mehr Ausdruck von Ekel und Entsetzen verliehen. Tatsächlich hatte ich nicht bemerkt, wie die enorme Kraft des 30-bar-Hochdruckreinigers einen hagelkorngroßen Brocken der angetrockneten Ausscheidungen vom Hintern gelöst hatte. Heimlich und in hohem Bogen hatte sich dieser dann ein kuscheliges Plätzchen auf meiner Schulter gesucht. Wie Rumpelstilzchen sprang ich im Wohnbunker umher, schüttelte unter Rüdigers hysterischem Lachen den Klumpen runter und entledigte mich blitzschnell meines einzigen Oberkörper-Kleidungsstücks. Herr Haldenhofen bekam von alldem nichts mit. Er stand immer noch in Pose und versuchte mit seinen drei braunen Stumpen und neu verpasster Haarpracht in die Linse zu lächeln. Ein letztes Foto entstand. Zwei Männer, die Arme freundschaftlich über die Schultern des anderen gelegt, beide mit freiem Oberkörper. Einer von ihnen trug eine Windel, der andere Einmalhandschuhe aus Latex. Ein Foto, das der Welt berichten sollte: „Vergesst nicht die Menschen, die ihr Leben tief unten im Bunker fristen.“

Der Anschnallgurt verursachte ein komisches Gefühl auf meinem nackten Oberkörper und schnitt sich in jeder Kurve tiefer ins Fleisch. Rüdigers Fahrstil verschlimmerte sich anscheinend im Laufe eines Tages. Auf dem Weg zu Frau Suhr schaute ich mir die Bilder aus der Unterwelt an. Ich mochte das Monster. Und es sollte bei Weitem nicht das letzte des Tages bleiben…

Hier geht es (bald) zum zweiten Teil von „Tag der Monster“.

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