Weihnachten ist zum Kotzen

„Olaf, also irgendwie… Manchmal fehlen mir die Worte.“ Der Stimme meiner Mutter war deutlich zu entnehmen, dass sie bereits vor langer Zeit kapituliert hatte. Es war der Morgen des 24. Dezembers 1999. Ich stand seit Stunden in der elterlichen Küche und traf erste Vorbereitungen für das gemeinsame Festessen am Weihnachtsabend.

Ein besonderer Anblick für meine Mutter. Zum einen, weil es bei den Eichelbrenners so wie bei vielen deutschen Familien üblich ist, dass die Dame des Hauses ihrem Rollenbild gerecht wird. Und gerade an Feiertagen ist der von Gott zugedachte Arbeitsplatz ohne Widerrede einzunehmen. Frauen an den Herd. Allein deshalb war mein Einsatz als Koch ein äußerst seltener Anblick. Zum anderen war es die Art und Weise wie ich arbeitete oder besser, es war die fehlende Schutzkleidung, die meine Mutter irritierte. „Also, davon esse ich nichts. Das steht fest!“ Die energische Anmerkung meiner Mutter erschloss sich mir anfangs nicht. „Warum, ich mache doch alles so wie es im Kochbuch steht!?“ Mit dem Rezept in der Hand lief ich ihr hinterher und zitierte: „Für das Gratin schneiden Sie die Möhren und Kartoffeln in daumendicke Scheiben.“ „Aber ziehen Sie sich dabei eine Schürze an“, ergänzte meine Mutter die Arbeitsanweisung im Kochbuch. „Ziehen Sie sich überhaupt etwas an“, fügte sie mit der Hand vor ihrer Nase wedelnd hinzu. Sie ging zügiger, um mich möglichst schnell aus dem Blickfeld zu bekommen. Ich musste grinsen. Tatsächlich hatte ich am Morgen ganz bewusst auf Körperbedeckung verzichtet. Ich wollte Kochgefühle pur. Die Hitze des Herdes mit jeder Pore spüren. Den Wasserdampf der kochenden Kartoffeln dabei beobachten, wie er auf meinem Körper kondensiert. „Du hast sie nicht mehr alle!“ Mit den Worten meiner Mutter kam ich mir zunehmend dämlicher vor. Mein Blick fiel auf den Spiegel im Flur, der mich ausgerechnet jetzt in voller Pracht zeigte. Selbst er schien kein Verständnis für meinen Auftritt zu haben. The Naked Chef. Unwillkürlich kam mir der Titel einer Kochsendung mit Jamie Oliver in den Sinn. „Ich möchte zu gerne wissen, vom wem du das alles hast, Olaf.“ „Wie der Herr, so’s Gscherr“, konterte ich hilflos. Doch meine Mutter war bereits außer Hör- und Sichtweite. Als nächstes musste das Schweinefilet portioniert und geklopft werden. Dem Gesamtbild zuliebe zog ich mir einen Jogginganzug an. Eine Leihgabe in Übergröße aus dem Kleiderschrank meines Vaters.

Am späten Nachmittag kam Papa vom Bahnhof zurück. Im Gepäck: Oma Micki und Opa Waldi. Beide gehören traditionell mit an die festlich gedeckte Weihnachtstafel. Oma Micki, besser bekannt als „Wer-mein-Gebiss-findet-bekommt-10-Euro-Oma“ ist die Mutter meines Vaters, und Opa Waldi, besser bekannt als „Hühner-Waldi“, der Vater meiner Mutter. Wie der Titel bereits vermuten lässt, offerierte Oma Micki regelmäßig einen lukrativen Nebenjob. Was genau zum ständigen Verlust ihrer Dritten führte, blieb ein Rätsel. Die bezahlten Suchaktionen jedenfalls häuften sich in letzter Zeit. Aber einen guten Nebenverdienst konnte man immer brauchen. Der Tagessieg ging an mich. Kurz vor dem gemeinsamen Abendessen wurde ich abermals als Erster fündig. Oma nahm ihre Beißer mit einem Zahnfleisch-Lächeln entgegen und steckte mir 10 Euro zu. „Wo waren die jetzt wieder?“, fragte sie und tätschelte meine Wange. Ich blieb ihr die Antwort schuldig, malte mir aber die Gesichter der anderen aus, sollte ich später beim Nachtisch verraten, dass ich sie neben den Tomaten im Kühlschrank gefunden hatte.

„Siehst du, nackt kochen hebt den Geschmack“, unterstrich ich das allgemeine Lob über mein Dreigang-Menü. „Nackt kochen?“ Opa Waldi wollte es genau wissen. Meine Mutter lenkte ab. „Erzähl doch noch mal die Hühner-Geschichte, Vati.“ Carmen und ich verdrehten die Augen. Die Hühner-Geschichte hatten wir mindestens 50 Mal anhören müssen. „Na ja, weil Weihnachten ist“, dachte ich und steigerte die Erwartung in nahezu gesungener Weise: „Au jaaaaaaa, erzähl mal, Opaaaaaa.“ Die Hühner-Story ist im Grunde schnell erzählt. Es war der Tag der Hochzeit meiner Eltern. Nach der kirchlichen Trauung feierte man bei strahlendem Sonnenschein im heimischen Garten. Opa hatte wohl ein bis zwei Bierchen zuviel getrunken, als er anfing, die Hühner auf Nachbars Grundstück zu füttern. Mit Weißbrot. Mit in Schnaps getränktem Weißbrot. Schnell entwickelte sich daraus ein allseits beliebtes Partyspiel und man schmiss kollektiv mit nassen Weißbrot-Stücken nach dem gierig schlingenden Federvieh. Opa zückt an dieser Stelle immer ein altes Foto. Es zeigt das frisch vermählte Paar, romantisch inszeniert im sommerlichen Garten. Im Hintergrund: Liegende Hühner. Weiße und braune Hennen, die völlig besoffen quasi am Boden sind. Fotokunst, von der man behaupten könnte, Photoshop hätte ganze Arbeit geleistet.

Ja, so reihen sich die Geschichten der Familie Eichelbrenner aneinander. Wen wundert da der weitere Verlauf dieses Heiligen Abends. Auch die Mousse, die ich als Dessert gezaubert hatte, schmeckte ganz passabel. Besonders Oma freute sich über die cremige Süßspeise, die auch ohne lästiges Gebiss mundete. Sie legte ihre Zähne wie einen unerwünschten Fremdkörper beiseite. Neben ihren Teller. Für alle gut sichtbar. „Die zahlreichen Essensreste zwischen den falschen Zähnen hätten den Schokoladengeschmack völlig übertüncht“, dachte ich, während der Anblick eine leichte Übelkeit in mir aufsteigen lies. Mama tat sich ganz offensichtlich noch schwerer mit den optischen Eindrücken. Vermutlich war ihre folgende Reaktion dadurch zu erklären. Meine Schwester baute sich nach dem Essen einen Joint am Tisch. „Ich will auch mal ziehen“, rief Mama und provozierte damit ein entsetztes Kopfschütteln von Papa. „Gerda, was soll das denn jetzt?“ „Warum? Lass doch mal. Ich wollte immer mal an einem Joint ziehen.“ Während Oma und Opa nicht wirklich verstanden, um was es gerade ging, zeichnete sich für Carmen und mich eine wunderbare Wendung des Abends ab. „Scheint noch lustig zu werden“, dachte ich und pflichtete Mama bei: „Genau, lass Mama mal an dem Jolly ziehen. Das hat sie sich verdient.“ „Außerdem musst du gerade reden. Du und dein Captagon früher“, schoss Mama aus der Hüfte. „Gerda, bitte, das ist Jahrzehnte her.“ Ich konnte es nicht glauben. Sollte mein Vater früher selbst Drogen konsumiert haben? Amphetamine? „Geil, erzähl mal“, forderte ich Papa auf. „Einen Teufel werde ich…“ Sichtlich verlegen räumte Papa den Tisch ab. „Sollen wir singen?“, schlug Oma vor. „Gleich, Oma, gleich.“ Das würde ein guter Abend werden, das spürte ich jetzt genau. Carmen und ich schlugen die Hände ein während Mama den vierten oder fünften Zug am Joint machte. „Aber ihr müsst mich ins Krankenhaus fahren, falls etwas schief geht.“

Nichts lief schief! Vielmehr lief alles wie am Schnürchen. Unaufhaltsam und mit großen Schritten auf den Höhepunkt zu. Die Bescherung. Dazu wechselten wir die Kulisse und nahmen allesamt auf der blauen Eckcouch Platz. Sichtlich gezeichnet vom THC und mit ersten Lachanfällen schaffte Mama gerade so die wenigen Schritte. Papas anhaltender Protest gegen den unchristlichen Verlauf des Abends ging erbarmungslos in Mamas schallendem Gelächter unter. Niemand wusste, worüber sie sich dermaßen amüsierte. Aber mit jeder Geschenkschleife, die wir von unseren liebevoll eingepackten Geschenken entfernten, grölte sie einmal mehr aus vollem Halse. Schließlich standen nicht nur ihr vor Lachen die Tränen in den Augen. Selbst Opa Waldi und Oma Micki lachten einfach mit. Papa machte Fotos. Was sicher nicht leicht war, denn er unterbrach dabei für keine Sekunde sein abwertendes Kopfschütteln. Zum Glück blieb wenigstens er Herr seiner Sinne und konnte auf die sich zuspitzende Situation reagieren. Er gab sein Bestes, als er aufsprang, in die Küche rannte und laut fluchend mit einem Eimer und Putzlappen zurückkam, um diverse Gegenstände von Mamas Erbrochenem zu säubern. Ich hatte den Fundort von Omas’ Gebiss nicht länger verschweigen können und Mama übergab sich noch während meiner Ausführungen. Über den Boden, die Couch und das rechte Knie von Oma.

Papa befreite mehr und mehr verärgert die Knie seiner achtzigjährigen Mutter von halbverdautem Gratin. Mutter steigerte noch einmal die Lautstärke ihres Gelächters. Zwischendurch, mit hoch rotem Kopf, immer wieder nach Luft schnappend. Auch Oma hatte sich anstecken lassen und grinste bis über beide Ohren mit ihrem schönsten Zahnfleisch-Lächeln. Und während Carmen unter Papas Protest den zweiten Joint vorbereitete, war Opa gedanklich längst woanders. „Habt ihr Schnaps im Haus?“ „Eine gute Idee, Opa“, erwiderte ich. „Anders ist das ja hier alles nicht zu ertragen.“ Die ersten drei Versuche, mich von der Couch zu erheben, scheiterten.

Mit diesem Standbild aus dem weihnachtlichen Wohnzimmer der Familie Eichelbrenner möchte ich Sie aus der Geschichte entlassen. Falls Ihnen die Feiertage zwischen den Jahren mal monoton und langweilig erscheinen, kramen Sie doch einfach dieses Bild hervor und besinnen Sie sich darauf, dass es unter fremden Tannenbäumen zuweilen noch viel trostloser aussieht.

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