Schuldig

„That looks pretty bad. That looks pretty bad, Mr. Eikelbrenner.“ Der Arzt kommentierte meine Röntgenbilder. Dr. O’Sullivan musterte mein Gesicht im Wechsel mit seinen Aufzeichnungen. „Unbelievable. Please, tell me again. What did you do last night, sir?“

Der Tag des Abflugs. Dublin, wir kommen. Fünf Tage, auf die sich Ute und ich seit Monaten freuten. Ein Schnäppchen für 19,90 €, ergattert bei EasyJet. Zwölf Monate zuvor gebucht, aber genau konnte ich mich nicht mehr erinnern. Einziges Manko waren Start und Landung auf dem Rollfeld in Weeze. Kein Katzensprung von Köln aus. Doch Ute hatte ein Auto und wir waren quasi ausgeschlafen, als wir uns um 02:14 Uhr auf den Weg machten, um 1 ½ Stunden vor Abflug dort zu sein. Kein Mensch weiß, wofür man heutzutage dermaßen lange vor einem Take-off am Flughafen sein muss!? Die Müdigkeit hielt sich in Grenzen. Weder zwei Beinaheunfälle noch das konstante Rattern der Fahrbahnbegrenzungen unter den Reifen konnten die Urlaubsstimmung trüben. Wir hielten konsequent 25 cm Abstand zur Mittelleitplanke und waren absolut entspannt.

Ich mag Dublin. Klein, aber fein. Hier mischen sich Tradition und studentisches Treiben, Pubs und Souvenirläden mit Tattoo-Studios und keltischen Sehenswürdigkeiten. Untergebracht waren wir in einer kleinen Pension. The Abbey Court. Ein Hostel, das ich wirklich empfehlen kann. Sehr zentral, günstig und sauber. Schließlich gab es genügend andere Dinge, die „ungünstig“ und „dreckig“ waren…

Unsere Tagesaktivitäten waren eine Mischung aus von Marco Polo vorgeschriebenen Besichtigungen und spontanen Aktivitäten. Umfangreiche Erkundungstouren durch original irische Lebenswelten. Meist kulinarischer Natur. Irische Snacks. Zum Beispiel Pommes oder Döner. Auch das ist schließlich ein Stück Kultur. Mein persönliches Highlight war das „House of Punishment“. Ein historisches Gebäude, bei dem sich praktischerweise alles unter einem Dach befand: Gerichtssaal, Gefängnis, Folterkammer. Was will man mehr!? Meiner Recherche nach gibt es diese Attraktion jedoch nicht mehr. Umso bedeutender sind damit die wohl letzten Berichte aus der Welt von Folter und Strafe. Im „House of Punishment“ sollte man sich so richtig in die Rolle der Gefangenen im 18. Jahrhundert versetzen. Wer wollte, der durfte alles anfassen und ausprobieren. Unsere achtköpfige Gruppe, bestehend aus einem bunten Mix an Touristen aus Italien, Dänemark und Deutschland befand sich im alten Gerichtssaal. Ich nahm auf dem unbequemsten aller Stühle Platz. Ein einfacher Thron aus Holz, der für den Angeklagten bereit stand. In der Mitte des Saales, mit bester Sicht für Richter, Ankläger und Zuschauer. Freie Bahn für Spott und Hohn. Ich schnitt leidende Grimassen. Ute machte Fotos.

Die Schläge des Hammers gingen mir durch Mark und Bein. „Guilty or not guilty?“ brüllte jemand. Die Reisegruppe erstarrte. Dann wieder drei laute Hammerschläge. Ich entdeckte den Richter. Was ich zuvor für eine Wachspuppe hielt, war zum Leben erwacht und sah mich böse an. „Guilty or not guilty, sir?“ brüllte er abermals. In meine Richtung, wie ich erschrocken feststellte. Ein hilfloser Blick zu Ute. Achselzucken. „Not guilty, sir“, stammelte ich. „What did you say, you bastard?“ hakte der Psycho-Richter nach. Mit einem Gesichtsausdruck, der mich an Kinski bei einem seiner cholerischen Anfälle erinnerte. Ich ahnte bereits, dass ich die volle Breitseite des mittelalterlichen Rechtssystems zu spüren bekommen sollte. „Not guilty, sir“, stammelte ich verlegen. Von rechts und von links näherten sich zwei Wachen. „Not guilty, sir“. In meiner Stimme lag ehrliche Verzweiflung, als ich im Klammergriff abgeführt wurde. „Nooot guilty, siiiiirrr!“ Die letzten Schreie gingen im fernen Gelächter der Gruppe unter. “Warum eigentlich immer ich?” Der Gedanke vermischte sich mit dem modrigen Geruch des Kerkers. Dann wurden die schweren Gittertüren zugestoßen. Ich war allein.

Ute und den Rest der Mannschaft sah ich erst wieder, als die Besichtigungstour an meiner Zelle vorbeiführte. Zur Belustigung aller hatte man draußen trockene Brotreste deponiert. Wer wollte, durfte mir diese durch die Gitterstäbe in die Zelle schmeißen. Selbstverständlich wollten alle. Auch Ute. Dank der mittelalterlichen Fuß- und Handfesseln aus Gusseisen war ich bewegungsunfähig. Die an Kopf und Brust abprallenden Brotstücke ertrug ich wie ein Mann. Mehr noch, ich setzte das versteinerte Grinsen eines verurteilten Massenmörders auf. „Ich bereue keine meiner Taten.“ Mit diesem inneren Bekenntnis unterstrich ich mein Mienenspiel. Irgendwie passte da auch das Blut meiner aufgeplatzten Unterlippe ganz gut. Getrocknetes Brot ist recht hart.

Am Abend feierten wir meine Freilassung mit einigen Pints im Pub. Wie in Dublin üblich, spielte eine der unzähligen Livebands. Ich fühlte mich irgendwie leer. Scheinbar fehlte mir die Aufmerksamkeit, die ich noch Stunden zuvor als verurteilter Schwerverbrecher genoss. So erkläre ich mir jedenfalls, dass ich einen meiner ältesten Kneipentricks bemühte, um mich im überfüllten Irish Pub von der Masse abzuheben. Ersparen Sie sich allzu großes Kopfzerbrechen über die nun folgenden Ereignisse. Genießen Sie einfach. Ich zog ein Kondom aus meiner Hosentasche, packte es aus und rollte es ab. Ute schaute mich erschrocken an. „Warte“, beruhigte ich sie und steckte das Teil fast vollständig in den Mund. Mit Daumen und Zeigefinger hielt ich den letzten Zipfel fest, während ich das Gummi intensiv ablutschte. „Das Spermizid muss runter. Tut sonst zu weh.“ Ute hatte keine Ahnung, was ich ihr damit sagen wollte. Ihr Blick blieb erschrocken. Sie setzte ein unechtes Grinsen auf. Fremdschämen. Manche der Gäste im Pub hatten meine Aktivitäten bereits bemerkt und schauten interessiert rüber oder angeekelt weg. Nach und nach stupsten sich die Gäste gegenseitig an und machten auf den Kerl mit dem Kondom im Mund aufmerksam. Meine Stunde war gekommen. Ich lutschte ein letztes Mal und ließ das Gummi ein paar Sekunden lang vor meinem Gesicht baumeln. Dann stopfte ich das vordere Ende mit dem Zeigefinger tief in mein rechtes Nasenloch. Zeitgleich hielt ich mir das linke Nasenloch zu und zog kräftig hoch. Statt Luft wird nun der hauchdünne Latex durch die Nase „eingeatmet“ und flutscht in den Rachen. Ein kritischer Moment, weil man gegen den Brechreiz ankämpfen muss. „Reiß dich zusammen, Olaf“, spornte ich mich gedanklich an. Im Pub herrschte Totenstille. Auch die Band hatte ihr Spiel unterbrochen. Alles lief nach Plan. Nun musste ich das Ende des Kondoms am Nasenausgang gut festhalten und mehrmals hintereinander würgen. So bewegt sich der andere Teil im Rachen Richtung Mund. Durch die unvermeidliche Geräuschkulisse verliert man an dieser Stelle ein paar Zuschauer. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen. Viele schauen im nächsten Moment wieder hin, denn nun kann man das Kondom auch am „Mundende“ packen und es im Nasen-Rachen-Gang hin und her bewegen. Für manche hat der Anblick etwas von einer rituellen Reinigung, für andere etwas sehr, sehr Abstoßendes. Beides verschafft einem jedoch die gewünschte Aufmerksamkeit und mit etwas Glück sogar Applaus. Ich hatte Glück an jenem Abend. Die Gäste johlten und klatschten Beifall. Bei einer solchen Reaktion wird das Ende der Show allerdings schwierig. Das Publikum erwartet eine Zugabe oder weitere Tricks. Auch hier ein Tipp: Schleudern Sie das Kondom einfach in die Menge. Alle werden sich kreischend abwenden und Sie haben Ruhe.

Ute holte uns ein Bier nach dem anderen. Wahrscheinlich um zu vergessen. An meiner Seite war sie etwas unfreiwillig Teil der Showeinlage geworden. Wir tranken viel. Später am Abend kam sie nicht nur mit zwei neuen Guinness zurück. An ihrer Hand befand sich ein junger Mann aus Italien. Giuseppe. Giuseppe war erst vor wenigen Minuten in Dublin angekommen. „Was für ein Glückspilz“, dachte ich. „Gerade angekommen, schon ein Mädel abgeschleppt. So muss Urlaub sein.“ Ute stellte uns vor, dann kam auch schon der befürchtete Satz: „Olaf, zeig Giuseppe mal den Kondomtrick.“ Nennen wir es das Schicksal eines begabten Künstlers, dem ich mich fügte. Stark schwankend machte ich mich auf die Suche nach dem Kondom. Ich fand es auf der Tanzfläche. Zertrampelt und völlig verdreckt. „Na ja, wird schon nichts passieren.“ Auf dem Weg zurück lutschte ich es besonders intensiv ab und spuckte den anhaftenden Dreck auf den Boden.

Wissen Sie eigentlich, warum Waschmaschinen Programme bis zu 95°C haben? Weil nur durch solch hohe Temperaturen bestimmte Eiweiße gelöst und Bakterien getötet werden können. Welche Reinigungswirkung 37°C warme Spucke haben muss, können Sie sich selber ausmalen.

Ich erwachte. Begleitet von einem dumpfen Pochen im Gesicht. Merkwürdig, der neue Tag ließ sich nur durch das linke Auge betrachten. Ute lag neben mir und schlief noch tief und fest. Als ich mich aufrichtete und zum Badezimmer stolperte, wurde der Schmerz intensiver. Der Blick in den Spiegel schockte. Meine rechte Gesichtshälfte war komplett zugeschwollen. Mein Auge nur noch ein feuerroter Wulst. Als ob man mir stundenlang ins Gesicht geschlagen hätte. Als ob mir jemand äußerst präzise einige hundert Stockhiebe ausschließlich auf die rechte Seite gegeben hätte. Ich versuchte mich zu erinnern. Im schlimmsten Fall war ich in der Nacht zurück zum „House Of Punishment“ gelaufen, um mich an meinen Peinigern zu rächen. Welche Erklärung gab es sonst? Im Spiegel sah ich Ute mit weit aufgerissenen Augen hinter mir stehen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund. „Oh Gott, Olaf. Was machen wir denn jetzt?“ „Na ja, ich würde zumindest mal gerne wissen, was passiert ist“, erwiderte ich und schluckte eine Ibuprofen 800 gegen die Schmerzen. Dabei lief mir die Hälfte des Wassers wieder aus dem Mund. Die Schwellungen zeigten ihre geballte Grausamkeit. „Das fragst du noch? Mensch, Olaf, das hat sicher mit dem blöden Kondomtrick zu tun.“ Ich erinnerte mich vage. „Na ja, kein Schweppes-Gesicht, keine Erfrischung.“ Wir mussten lachen. Zumindest deutete ich mit der gesunden Gesichtshälfte ein Lachen an. „Dann gehen wir wohl besser mal zum Arzt, oder!?“ Mir war klar, dass ich behandelt werden musste. Mir war leider auch klar, dass dazu die Wahrheit auf den Tisch musste. Sicher hätte ein Breitband-Antibiotikum per Eigenmedikation geholfen – So was habe ich schließlich grundsätzlich in der Reiseapotheke. Meinem Aussehen nach zu urteilen, war die Sache jedoch ernst und ein Besuch im Krankenhaus mehr als ratsam.

Dr. O’ Sullivan war Mitte 60 und stand kurz vor der Pensionierung. Einen Mediziner mit seiner Erfahrung noch in Staunen versetzen zu können, machte mich ein wenig stolz. Ich glaube, ich musste ihm die Geschichte insgesamt fünf Mal erzählen. Und jedes Mal reagierte Dr. O’ Sullivan gleich. Laut lachend schüttelte er den Kopf und schlug dabei mit der Handfläche immer wieder auf seinen antiken Schreibtisch. Das Geräusch kam mir bekannt vor. „Guilty, sir“, murmelte ich leise. „Guilty, sir!“

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