Ich dachte, du bist Vegetarier.

Warum isst du dann Hasenbraten? Aus Rache. Die Viecher fressen mir die Möhren weg.

Wissen Sie, jeder, der sich wie ich für eine extreme Lebensweise entscheidet, hat seine Gründe dafür. Ob enthaltsam als Mönch, schmerzfrei als Fußpfleger, nervenkrank als Lehrer, ewig lustig als Zirkusclown oder todesnah als Bestatter. Auch bei Serienmördern lassen sich Motive erkennen und selbst für Vegetarier habe ich stets Verständnis aufgebracht. Aber kennen Sie Franz Konz? Gut so, brauchen Sie auch nicht. Um klare Worte zu sprechen: Er ist einer der größten Deppen, die Deutschland zu bieten hat. Tatsächlich jedoch sind seine Steuerratgeber, bekannt unter „Der große Konz“ oder „1000 ganz legale Steuertricks“, fast in jedem Haushalt zu finden. Wenn der Gute mal bei seinen Steuern geblieben wäre. Der Erfolg scheint ihm zu Kopfe gestiegen zu sein, denn er ist der Erfinder der „Urkost“. In seinem Buch „Der große Gesundheits-Konz“ beschreibt er diese extreme Ausprägung einer vorwiegend veganen Ernährung. Kleinstlebewesen an Früchten und Grünpflanzen mitzuessen ist für ihn dabei selbstverständlich. Ich wünsche guten Appetit. Seine Ernährungsmethode empfiehlt der Herr Konz vor allem zur Behandlung von Krankheiten. Und genau da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn wer sich die Mühe macht, zum Beispiel bei Wikipedia (Abschnitt: Gesundheitsratgeber) über ihn nachzulesen, fragt sich zwangsläufig, wer hier eigentlich krank ist.

Aber genug der schweren Kost. Berichten will ich ja eigentlich von Kopenhagen. Genauer gesagt, von einer kulinarischen Entdeckung, die ich in der dänischen Hauptstadt gemacht habe. 25. Juli 2010: „Ungekocht und leicht erhöhte Temperatur“, sagte ich zu Talib, als ich das Schild an der Hauswand entdeckte. Ich stupste ihn an. „Vielleicht ist es das!?“ Auf der Jagd nach landestypischen Mitbringseln durchstreiften mein Freund Talib und ich die Seitenstraßen der Einkaufsmeile von Kopenhagen. Seit Stunden suchten wir nach einem Schuhgeschäft, das unser Reiseführer als besonders lohnenswert erwähnte. „Nee, ist irgend so ein scheiß Bioladen.“ Er blinzelte durch die Scheibe. Talib kommt aus Marokko und ist bekennender Fleischliebhaber. Ein Gericht ohne totes Tier? Undenkbar. Außer Schweinefleisch. Das kommt nicht auf den Tisch. „Ich bin selber ein großes Schwein“, sagt er immer. „Da muss ich die Dinger nicht auch noch in den Mund nehmen.“ Wo er Recht hat, hat er Recht. Talib und ich haben uns in einem Berliner Schwulenclub kennen gelernt. Er wurde von einem gemeinsamen Bekannten als „Miss Piggy“ vorgestellt. Mit diesem Namen hatte er mein Herz im Sturm erobert und ich genieße seither jede Minute seiner Gesellschaft. Nicht zuletzt, weil er mir zuweilen in sehr bildhafter Sprache erläutert, warum er in der Szene als „Miss Piggy“ bekannt ist. Sie werden diese Geschichten eines Tages im „O.E. Giftschränkchen“ finden.

„Komm, lass uns mal reingehen.“ Die Körnerfresser hatten sich viel Mühe gegeben, das triste Grau ihres Speiseplans durch eine sehr ansprechende und modern gestaltete Umgebung auszugleichen. Es roch nach überreifen Äpfeln. „Goddag“, rief ich den zwei hübschen Mädels hinter dem Ladentisch zu. „Kuckuck“, ergänzte Talib wenig begeistert. „Spinnst du!?“ Ich zog an seinem Ärmel. „Wer weiß, was Kuckuck bei denen bedeutet? Versau mir die Nummer nicht. Die Mädels sind spitze.“ Ich finde, man sollte als Fremder wenigstens versuchen, die Sprache der Einheimischen zu sprechen. Mit aufgeschlagenem Marco Polo Reiseführer und Sonntagslächeln studierte ich die Speisekarte an der Wand. „Meinst du, die haben wenigstens Huhn?“ nörgelte Talib. „Ich fürchte, hier gibt es ausschließlich rohe und kalte Sachen.“ Obwohl ich nur erahnen konnte, welche Köstlichkeiten hier feilgeboten wurden, erschloss sich mir der Name „42º RAW“ auf erschreckende Weise. Ich summte leise Helge Schneiders „Tu mal lieber die Möhrchen“. „Ohne Mist, O.E., ich kann das nicht“, flüsterte Talib mit drohendem Unterton. „Doch, we can!“ Ein kurzer Blick in den Reiseführer. „Jeg er kommet til skade.“ Die Verkäuferinnen schauten mich besorgt an. „Mist, in der Zeile verrutscht.“ Natürlich war ich nicht verletzt und ich brauchte auch keinen Arzt. Ich lächelte verlegen und versuchte es erneut. „Jeg vil gerne have Spinat-Mynte-Smoothie og Müesli, tak.“ Die Mädels nickten und ich kam mir vor, wie Knut der Große höchstpersönlich. „Und für mich so ne Schüssel Grünzeug ohne viel Körner.“ Ich wiederholte Talibs lustlose Bestellung und zeigte auf eine der fünf angebotenen Salatvariationen. „Wenn es geht, mit Hühnchen!“ Ich zog Talib zur Arena. „Eine Sonderanfertigung der dänischen Ökobewegung“, dachte ich. Wie alles hier waren auch die Sitzgelegenheiten einfach und ohne große Schnörkel. Unbequem wäre das falsche Wort. Einfach halt. „Noch nicht mal bequeme Stühle“, moserte Talib. „Komm, hier bekommst du dein Fleisch. Sitzfleisch!“ Meine Witze konnten Talib nicht aufheitern. Er war gefangen im Schlechte-Laune-Urkost-Kosmos. Selbst der Salat, serviert in brauner Papp-Box mit Sichtfenster und Plastikbesteck (selbst-verständlich 100% ökologisch abbaubar), versprach keine Abhilfe. Er stocherte darin lieblos herum und inspizierte jede Gabel. „O.E., ich kann das nicht. Diese ganzen Körner im Salat. Wer weiß, was das ist.“ Zugegeben befand sich eine Menge unbekanntes Saatgut im Grün. „Das weiß man doch vorher, wenn man so einen Laden betritt.“ Ich musste grinsen. Talib schaute mich strafend an. „Sei froh, dass die hier nicht auch Blattläuse und Ameisen dranlassen.“ Mir fiel der bekloppte Konz wieder ein. „Hier, probier mal den Spinat-Minze-Shake. Der ist super.“ Auch mir fehlt der Draht zu dieser Art der Ernährung. Trotzdem, ich kann nur berichten, dass alles, was wir probiert haben, sehr lecker war. Letztlich essen Auge und Nase mit. Und für seine Sinne bekommt man in der Pilestræde 32 in 1112 København einiges geboten. Nettes Ambiente, unbehandelte Speisen, deren Düfte den Raum erfüllen und zwei heiße Feger hinter der Theke. Was will man mehr?  Und wenn dann noch ökologisch alles stimmt… Ich bin mir sicher, in Sachen Nachhaltigkeit wären meine Freundinnen Annick und Laura ganz begeistert von diesem Konzept gewesen. Sie haben ihr Leben den schönen Dingen des Lebens gewidmet, die nicht nur toll aussehen, sondern zudem fortschrittlich und vorbildlich hergestellt werden. Orientierung zum Thema geben Sie auf ihrem Elemental-Blog.

Ich erlöste Talib und aß seinen Salat. So startete wenigstens ich gestärkt und mit gutem Öko-Gewissen in den zweiten Tag unseres Dänemark-Trips. Heute stand „Tivoli“ auf unserer To-Do-Liste. „Komm schon, gleich gibt’s eine große Portion Nudeln für dich.“ Talib schaute mich fragend an. „Tivoli! Sind das nicht diese dänischen Nudelteig-Taschen?“ ärgerte ich ihn. Mit einem angedeuteten Tritt in den Hintern verwies mich Talib des Ladens. „Jeg vil gerne blive to natter“, rief ich den Mädels noch schnell zu. Sie fingen laut an zu lachen. „Mist, schon wieder in der Zeile verrutscht.“ Obwohl ich zwei Übernachtungen im „42º RAW“ sicher gut ausgehalten hätte.

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