Der geilste Arsch der Welt

Gestatten, mein Name ist Olaf Eichelbrenner, von Freunden liebevoll „O.E.“ (gesprochen: O-Punkt-E-Punkt) genannt. Ich habe die 30 überschritten, arbeite in der Medienbranche und ich hasse vor allem zwei Dinge.

Der Makler muss uns geschickt abgelenkt haben. Anders kann ich mir nicht erklären, wie Min Hee und ich in diese Wohnung ziehen konnten. Friesenstraße 51, 90 m², 4 Zimmer, Küche, Diele, Wannenbad. Die Wohnung lag ganz oben im 5. Stock, inklusive riesiger Dachterrasse. Darauf konnte man herrlich entspannen und sich ohne lästige Blicke sonnen. Vorausgesetzt, man hatte durch einen Geburts- oder Ärztefehler seinen Geruchssinn verloren. Das Ofenrohr der  Tapas Bar  “La Bodega” endete auf Höhe unserer Liegestühle. „Albondigas en salsa de tomate“, rief ich von draußen durchs geschlossene Fenster. „Zum Kotzen!“ erwiderte Min Hee von drinnen und streckte angewidert ihre Zunge raus. Wir hatten uns über ein Wohnungsportal im Internet kennen gelernt. Min Hees Eltern kamen aus Südkorea. Sie selbst war in Deutschland geboren und lebte bis vor wenigen Tagen in Frankfurt. Dass Min Hee ein weiblicher Vorname war, wurde mir erst klar, als wir uns zum ersten Mal sahen. Danach gab es irgendwie keine Chance mehr für einen Rückzieher und so haben wir zusammen diese Wohnung gesucht und gefunden. Die letzten Kartons standen noch unausgepackt im Flur und ich hasste bereits zwei Dinge an unserem neuen Heim. Das Ofenrohr vom Spanier und Min Hee aus Südkorea.

„Heiner, ich kann das nicht.“ Ich saß bei meinem besten Freund auf der Couch und klagte ihm mein Leid. „Min Hee ist so…“ Mir fehlten die Worte. „Min Hee ist echt scheiße“, fügte ich hilflos hinzu. „O.E., jetzt warte doch erst mal ab. Ihr wohnt ja gerade mal ein paar Tage zusammen.“ Heiner versuchte mir Mut zu machen. „Sie ist schwer von Begriff. Sie ist faul, laut und absolut rücksichtslos. Das endet im Krieg, das weiß ich jetzt schon. Das einzig Positive ist, dass Min Hee den geilsten Arsch der Welt hat. Echt! So was hast du noch nicht gesehen!“ Vertrauen ist gut, Kontrolle bekanntlich besser. Ich hatte mir meine neue Mitbewohnerin deshalb sehr genau angeschaut. Fast jeden Morgen. Durchs Schlüsselloch im Badezimmer. „Das endet im Krieg“, prophezeite ich noch einmal, als ich mich auf den Weg zum Friseur machte. „Komm mal vorbei, Arsch gucken“, rief ich beim Hinunterlaufen durchs Treppenhaus.

Lorenz-Gildo, mein Cousin, oder besser, meine Cousine, hatte zu dieser Zeit einen kleinen Friseursalon in der Kettengasse. Der Laden war immer voll und das Geschäft lief offensichtlich gut. Mich wunderte das, denn Lorenz-Gildos Salonkonzept ähnelte dem der anderen Kölner Schnellfrisöre sehr. Ohrenbetäubend laute Musik und ein geradezu hysterischer Salonbesitzer, der jeden Kunden, egal ob männlich oder weiblich, mit denselben, gesungenen Worten begrüßte: „Ohhh, du Aaaarme, wer hat das denn verbrochen auf deinem Kopf? Zieh dir mal eine Nummer gegen den Kummer. Bin gleich für dich da.“ Aber Lorenz-Gildo verstand sein Handwerk und der Haarschnitt war für Familienangehörige gratis. „Hier geht man gern verlor’n, Köln ist von hinten und von vorn….“ Aus den Boxen dröhnte Stephan Runges rosa Hymne. Ich blätterte wartend in einer Gala, als plötzlich zwei Männer hereinstürmten. Gerade wollte Lorenz-Guildo zu seiner Standardbegrüßung ansetzen, da bemerkte er die Strumpfmasken und Pistolen in ihren Händen. „Los, mach die Kass op!“ schrie der eine und fuchtelte wild mit seiner Waffe. „Wie blöd kann man eigentlich sein?“ war mein erster Gedanke. Der Schock wurde abgelöst von einem Gefühl des Bedauerns. „Da schmieden die zwei Halunken Monate lang Pläne für einen Überfall und dann das. Geben Anweisungen in tiefstem Kölsch.“ Die beiden taten mir irgendwie leid. Ich überlegte, welche Details den Täterkreis wohl noch weiter eingrenzen würden, als jemand aufschrie. Lorenz-Guildo trug einen strassbesetzten Westerngürtel und ein weißes Halfter, in die er sein Friseurbesteck sortierte. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass der Aufschrei von ihm kam. Ungläubig beobachtete ich das feige Cowgirl dabei, wie es sich mit einem gekonnten Satz in die Kundentoilette flüchtete. Lorenz-Guildo ließ uns tatsächlich mit den bewaffneten Schwerverbrechern alleine. Die bedienten sich in Seelenruhe aus der Kasse, spazierten lässig aus dem Salon und tauchten im samstäglichen Einkaufsgewirr unter. Später erzählte mir mein Cousin von einer Anzeige, die der Polizeibeamte gegen ihn erstattet hat. Wegen unterlassener Hilfeleistung. Der Beamte war wohl nicht ganz zu Unrecht sauer gewesen, weil Lorenz-Guildo sein sicheres Versteck erst nach mehrmaliger Aufforderung durch die Beamten aufgab und sich dann ein Piccolöchen einschenkte. Zur Beruhigung.

Die aufregenden Ereignisse des Tages verarbeitete ich in der Nacht. In meinem Traum wurde mein Cousin bei seinem Fluchtversuch von einem der Täter angeschossen und lag bitterlich weinend zwischen Lockenwicklern am Boden. Ich wachte auf. Das Weinen blieb. Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, dass es von Min Hee kam. Ich stand auf und ortete das Geräusch im Badezimmer. Ein geübter Blick durchs Schlüsselloch machte klar, was passiert war. Min Hee war nach dem Baden ausgerutscht. Sie hielt sich den rechten Fuß. Soweit ich das sehen konnte, blutete sie am kleinen Zeh. Zufrieden schlich ich mich zurück ins Bett und schlief ein. Traumlos für den Rest der Nacht.

„Das ist doch echt das Letzte“, berichtete ich Heiner am Telefon. „Da lässt die einfach das Badewasser drin. Weißt du jetzt, was ich meine? Die geht gar nicht.“ Den Sturz von Min Hee verschwieg ich. Ein unbedeutendes Detail wie ich fand. „Na warte, das gibt Rache. So eine Unverschämtheit. Wenn man zusammen wohnt, dann kann man doch nicht einfach sein Badewasser drin lassen.“ Ich merkte, dass Heiner das Ausmaß meiner Wut nicht wirklich nachvollziehen konnte und beendete das Gespräch. „Lass uns nachher noch mal quatschen, ich hab’ da eine Idee.“ Min Hee ließ sich wahrscheinlich gerade am Zeh verarzten. Ich hatte freie Bahn. Es waren 6 bis 10 Tabletten „Broncho Vaxom“, die ich sorgfältig zerkleinerte und unter den körnigen Frischkäse mischte, den Min Hee so gerne aß. Die Tabletten sind ein gefriergetrockneter Bakteriencocktail. In kleinen Mengen verabreicht soll das Gemisch helfen, das Immunsystem zu stärken und grippalen Infekten vorzubeugen. Den Effekt einer Überdosierung schätzte ich als mittelschwere Erkältung ein. „Mindestens haltbar bis September 1995“ stand auf der Packung. Das Medikament lag wohl schon einige Jahre in meiner Schublade. Um ganz sicher zu gehen, Min Hee eine wirkungsvolle Lektion zu erteilen, ergänzte ich meine Racheaktivität durch eine ausgiebige Reinigung unserer Toilette. Eine wahre Sisyphus-Arbeit mit einer Zahnbürste. Min Hees Zahnbürste.

Die Geschichte vom Überfall, mein Frühjahrsputz und der infizierte Frischkäse waren der Running Gag des Abends. Heiner forderte mich immer wieder auf, die Storys noch einmal zu erzählen. Wir machten die übliche Samstagabendrunde. Essen bei Oma Kleinmann auf der Zülpicher, Zwischenstopp im Waschsalon, auf dem Weg zur Friesenstraße ein kurzer Blick ins Schaufenster der Klapsmühle, dann Kneipenhopping bis zum frühen Morgen, Endstation „Klein Köln“. Volltrunken torkelten Heiner und ich die Treppe hinauf. Ich hatte ihn überredet, bei mir zu übernachten. Er sollte sich endlich Min Hees Hintern durchs Schlüsselloch anschauen. Natürlich hofften wir auf zusätzliches Unterhaltungsprogramm. Zähneputzen oder erste Fieberschübe. Es war bereits hell, als wir die Wohnung betraten. „Mist“, rutschte es mir raus. Min Hee und Sven Schulte-Heinrich, ihr Freund, waren bereits aufgestanden und angezogen. Ein wohliges Gefühl der Befriedigung löste meine Enttäuschung ab. Min Hee putzte sich die Zähne. Wir standen in Schräglage im Flur. Ich stupste Heiner an. Der jedoch blickte mit offenem Mund Richtung Küche. Mein Grinsen erstarrte. Sven Schulte-Heinrich ließ den Rest einer Graubrotscheibe im Mund verschwinden. Dick belegt mit körnigem Frischkäse.

„Irgendwie geschieht es ihm recht“, lallte ich. Heiner und ich lagen erschöpft im Bett. „Immerhin ist er ihr Freund. Er trägt quasi eine Mitschuld an ihrer unerträglichen Art.“ Ich wusste selbst, dass dieses Argument nicht ganz schlüssig war. Mir fiel jedoch keine bessere Entschuldigung für Sven Schulte-Heinrichs dreiwöchigen Krankenhaus-aufenthalt ein. Im St. Hildegardis Krankenhaus in Lindenthal wurde er zwei Wochen lang in Quarantäne gehalten, weil man 58 verschiedene Bakterienarten in seinem Blutbild fand. „Aber hast du gesehen, wie Min Hee sich die Zähne mit der verseuchten Bürste geschrubbt hat?“ flüsterte ich zu Heiner rüber und musste kichern. „O.E., soll ich dir was sagen?“ Mit Heiners letzten Worten schliefen wir ein. „Du bist echt der größte Arsch von Köln! Gute Nacht.“

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