Außer Kontrolle (Teil III)

„Ohhhh, seien viel Luft im Daaalm!“ Der Krankenpfleger indischer Abstammung kommentierte die Röntgenbilder. Auch wenn er kein Arzt war, seine Diagnose gefiel mir. Sollten sich die schrecklichen Qualen der Nacht auf solch einfache Weise erklären lassen? Mittlerweile lag ich im Foyer der Notaufnahme am Tropf. Ich war fast schmerzfrei. „Luft im Darm?“ fragte ich interessiert nach und versuchte etwas auf den Aufnahmen zu erkennen. „Jaaa, seien viel Luft im Daaalm. Hier.“ Der Pfleger zeigte auf weiße Stellen im schemenhaften Chaos der Darmwindungen. „Das bringt ja jetzt nix“, dachte ich, merkte mir aber die Stellen, um später einen Arzt darauf anzusprechen. Wahrscheinlich muss ich nicht erwähnen, dass die betreuenden Ärzte noch oft nachfragten, ob ich Schmerzmittel genommen habe. Selbst meine Mutter wurde interviewt. Sie kam noch am gleichen Tag und brachte mir das Nötigste, um die nächsten zwei, höchstens drei Tage versorgt zu sein. Doch daraus wurde nichts. Im Grunde ist es ja gut zu wissen, dass Mediziner sich wie Pitbulls festbeißen, wenn sie sich herausgefordert fühlen. Die unbekannte Ursache meiner schlechten Nierenwerte war eine solche Herausforderung. Meine Kreatinin-Werte lagen bedrohlich nah an einer Dialyse-Empfehlung. „Gut, wenn man sich erst mal vorgenommen hat zu schweigen…“ Ich blieb bei meiner Version und sagte nichts über die Überdosis Novalgin, mit der ich mir wahrscheinlich selber beide Beine und beide Arme hätte abnehmen können, ohne den geringsten Schmerz zu spüren. Auch ich war zum Kampfhund geworden und verteidigte meine Version der Geschichte.

Dieses Kräftemessen wurde jedoch auf meinem Rücken ausgetragen. Eine schnelle Lösung musste her. Ich erinnerte mich an die Worte des Pflegers. „Mama, bitte frag du doch die Krankenschwester mal nach einem Abführmittel. Mir ist das peinlich.“ Vermutlich hat meine Mutter schon zu viele Seltsamkeiten mit mir erlebt. Sie stellte keine Fragen und besorgte mir das Zeug von der Stationsleiterin, einer Russin. Warum ich das erwähne? Weil die Dosis, die ich von ihr verabreicht bekam, in einem Wodka-Stamper serviert wurde. „Wenn das nicht mal zu viel des Guten ist,” murmelte ich und leerte das Glas unter ihren wachsamen Augen. Die Sorge war unberechtigt. Es passierte nichts. Gar nichts. Die Ärzte hatten sich an diesem Tag intensiv beraten und für den nächsten Morgen eine Punktion angesetzt. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet, aber freute mich darüber. Ich hoffte, es sei eine Art abschließende Untersuchung. Ich wähnte mich kurz vor der Entlassung und schlief seelenruhig ein. Die Punktion war für 07:00 Uhr angesetzt.

Herr Krings, mein Zimmergenosse, hat sich sicher genauso erschrocken. Ich wachte mit weit aufgerissenen Augen auf. Es war 03:15 Uhr. Mitten in der Nacht. Polternd verließ ich das Bett und rannte aus dem Zimmer. Sekunden später sollte es die gesamte nephrologische Station erfahren. Rund 80 Patienten wurden durch mehrere Detonationen aus dem Schlaf gerissen. Ich saß auf dem Klo und war machtlos gegen die schmerzhaften Entleerungen. Unkontrollierte Explosionen, mit denen sich mein Darm 20 Minuten lang von allem befreite. Wie gut, dass die Klotüre mit viel Abstand zum Boden angebracht war. So wurde es zum multisensorischen Erlebnis. Patienten, die ihr Hörgerät für die Nacht rausgenommen hatten, erwachten vom beißenden Geruch der nächtlichen Sprengarbeiten. Niemand entkam dem Unglück. „Wollt ihr den totalen Krieg?“ witzelte Herr Krings, als ich nach 45 Minuten von der Latrine heimkehrte. Ich musste lachen, obwohl mir gar nicht danach zumute war. „Oh man.“ Mehr brachte ich nicht heraus. Entkräftet legte ich mich zurück ins Bett. Herr Krings hatte schweren Diabetes. Ihm wurden beide Beine entfernt. Nun lag er ebenfalls mit schlechter Nierenfunktion im Klinikum Merheim. Der Anblick meines Bettnachbarn relativierte mein Selbstmitleid, obwohl ich nach fünf weiteren Toilettenbesuchen in dieser Nacht allen Grund dazu gehabt hätte.

Eine Punktion ist übrigens ein kleiner Stich, oft verursacht im Rahmen eines minimalinvasiven Eingriffs. Lassen Sie uns hier das Wort „Gewebeprobe-Entnahme“ verwenden. In meinem Fall war die Punktion dazu gedacht, mir ein Stück Niere zu entnehmen, um der rätselhaften Unterfunktion auf die Schliche zu kommen. Das also hatten sich die Pitbulls ausgedacht. Ein Stück Niere. „Warum eigentlich nicht!?“ Die zurückliegende Kriegsnacht hatte mich dermaßen geschwächt, dass mir die Punktion beinahe egal war. Ausgelaugt und eingefallen wurde ich in den Operationssaal geschoben. Eine Punktion ist heutzutage ein Routineeingriff. Genauso routiniert fasse ich also kurz den Ablauf einer „Gewebeprobe-Entnahme“ zusammen: Örtliche Betäubung –> Stricknadel ähnliches Instrument –> Nadeleinritt im unteren Rücken –> beidseitige Entnahme –> Größe der Gewebestücke: halbe Streichholzlänge –> Ohnmacht nachdem mir der Arzt auf Verlangen die Gewebeproben präsentierte.

Als ich aufwachte drückte etwas fürchterlich in meinen Rücken. Herr Krings lag neben mir und störte sich nicht an meinem kraftlosen Wimmern. „Die haben mir Steine in den Rücken genäht“, alarmierte ich ihn. „Es gibt Schlimmeres, Junge. Glaub mir!” antwortete Herr Krings ohne Anteilnahme und drückte den roten Knopf. „Der Junge fantasiert,” sagte Herr Krings zur Oberschwester, die bereits 30 Minuten später zur Stelle war. „Kein Wunder, dass manche Patienten einen Klinikaufenthalt nicht überleben,” dachte ich und deutete auf die Druckstelle am Rücken. Die Oberschwester zog ein kleines Sandsäckchen aus meinem Bett. „Darauf müssen Sie die nächsten 24 Stunden liegen bleiben. Das presst die Wunde an der Niere zusammen. Sonst verbluten sie innerlich,” erklärte sie mit bedrohlichem Unterton. „Alles klar.“ Ich bestätigte die Arbeitsanweisung. „Ich bleibe liegen. Kann ich was trinken?“ „Nein! Erst in 3 Stunden.“ Die Schwester verließ das Zimmer. Herr Krings und ich schliefen wieder ein. Was blieb zwei verwundeten Männern ohne Beine auch sonst übrig…?

Durst. Gegen 18 Uhr wachte ich auf. Meine Lippen waren weiß und vertrocknet. Seit acht Stunden lag ich völlig regungslos auf diesem Säckchen. „Gott sei Dank, ich darf etwas trinken.“ Mit einem Stoßgebet leerte ich die komplette Flasche Wasser. Wir hatten mittlerweile Zuwachs bekommen. Links neben mir stand jetzt noch ein Bett. Ein älterer Herr schlief darin. Mit offenem Mund. Seine Zähne lagen auf meinem Nachttischchen. „Egal, wir sind im Krieg,“ dachte ich, setzte die Kopfhörer auf und schaute leise Fernsehen. Plötzlich konnte ich mich nicht mehr auf das Bild konzentrieren. Mit faltiger Stirn überlegte ich. Es gab keinen Zweifel. Das Wasser löste eine erneute Welle der Zerstörung aus. Mein Darm nahm seine Tätigkeit wieder auf. Heftiger als zuvor. Ich versuchte weiter nachzudenken. Mir fiel kein Plan ein. „Dieses scheiß Säckchen im Rücken,” fluchte ich innerlich. Die 24 Stunden waren jedenfalls noch nicht rum. Welche Alternative hatte ich also zum Tod durch inneres Verbluten? Die Bettpfanne fliegt quer durchs Zimmer. Ein Entleeren in liegender Position kam nicht in Frage. „Scheiße,“ rutschte es mir raus. Zusammen mit ersten Vorboten der nahenden Katastrophe. Ich packte das Säckchen und drückte es so fest ich konnte gegen die Einstichstelle. Dann stolperte ich abermals aus dem Zimmer Richtung Toilette. „Herr Eichelbrenner, Sie müssen liegen bleiben!” rief mir ein Krankenpfleger zu. 18:12 Uhr. Zeitpunkt des ersten Einschlags. Der Bombenhagel hinterließ eine Wüste der Zerstörung. Empörung, Entsetzen und Ekel bei den Flurbewohnern. Es war Zeit fürs Abendessen im Krankenhaus. Die Türen der Zimmer standen weit offen. Meine von Stöhnen begleiteten Presswehen wechselten sich mit Totenstille ab. Kollektiv lauschte man dem Hörspiel zum gemeinsamen Dinner. Wissen Sie, wenn man erst Stolz, Ehre und Würde verloren hat, dann besinnt man sich auf die Kleinigkeiten im Leben. Die verachtenden Blicke auf dem Weg zurück ins Bett machten mir kaum mehr etwas aus. Ich freute mich auf Ruhe und mein Säckchen im Rücken, welches ich die ganze Zeit über mit der linken Hand gegen die Wunde presste. Purer Überlebenswille.

„Na, wie geht’s Ihnen?“ fragte Oberschwester Gudrun den Neuen neben mir. „Gut, Schwester, danke. Nur die Kekse waren etwas hart,” antwortete ihr der Mann ohne Zähne. „Welche Kekse?“  fragte die Schwester. Zeitgleich fiel ihr Blick auf das kleine Döschen, das der Fremde ebenfalls auf meinen Nachtisch gestellt hatte. „Nein, oder?“ waren die letzten Worte von Schwester Gudrun. Sie hyperventilierte mit gespitzten Lippen und fing an zu würgen. Wild fuchtelnd lief sie aus dem Raum. Ihrem Entsetzen machte sie auf Russisch Luft. Man hörte sie noch eine ganze Weile hysterisch schreien. Herr Krings und ich sahen rüber zum Neuen. Der zuckte nur mit den Achseln. „Cholelith,” las ich auf der kleinen, milchigen Plastikdose. Der rote Deckel lag daneben.

Wissen Sie, man muss einen Wissensvorsprung im Leben nicht immer ausspielen. Dass der Herr seine frisch operierten Gallensteine mit Keksen verwechselte, habe ich weder ihm noch Herrn Krings verraten. Für mich war diese Tatsache ein längst überfälliges Zeichen von ganz oben. „Auch andere geraten eben manchmal außer Kontrolle. Bäääm!“ Mit diesen Gedanken konnte ich auch auf einem Sandsack liegend hervorragend einschlafen.

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