Außer Kontrolle (Teil II)

Wissen Sie, was passiert, wenn ein Pyrazolon-Derivat seine Wirkung entfaltet? In einer 600-fachen Überdosierung? Man kann sich für 24 Stunden zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen. Gefühlt jedenfalls. Von außen betrachtet befindet man sich bereits jetzt in einem sehr erbärmlichen und bedauernswerten Zustand. Alles, was nach den 24 Std. kommt, ist ein Höllenritt. Vorausgesetzt, man überlebt.

Ich habe Alf in dieser Nacht mehrmals für Lena gehalten. Grinsend bis über beide Ohren, mit starrem, verklärtem Blick habe ich ihn zärtlich und ausgiebig gestreichelt. Mit Zeige- und Mittelfinger bin ich stundenlang seinen Rücken rauf und runter gelaufen. Ich habe ihn hinter den Ohren gekrault und seine nackten Arme mit dem Mund liebkost. Alf hat Gott sei Dank einen sehr festen Schlaf. „I can’t get no sleep!“ Ich schreckte hoch. Alfs Handy spielte den passenden Alarmton. Es war 06:00 Uhr. Zeit zum Aufbruch, ab zum Flughafen. Zurück nach Köln. Im Gegensatz zu Alf hatte ich keine Sekunde geschlafen. Komischerweise sah man es mir nicht an. „Wieso siehst du eigentlich so fit aus?“ stöhnte Alf. Wir standen im Bad. „Das willst du nicht wissen,” gluckerte ich mit Zahnbürste im Mund. Er fragte nicht weiter und ich behielt das Geheimnis des Zaubertrunks für mich. Alf packte sich an den Hals und rieb mit dem Zeigefinger über einen dunkelblauen Fleck. „Haben wir gestern mit den Mädels geknutscht?“ Ich wurde rot. Schemenhaft kamen mir die Geschehnisse der letzten Nacht in den Sinn. „Kann sein. Ich erinnere mich nicht.“ Alf fluchte und suchte nach einer passenden Erklärung für seine Frau. „Wir kaufen Abdeckstift am Fughafen.“ Etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Bis auf eine leichte Müdigkeit verliefen die nächsten Stunden normal. Wir schleppten uns zum Gate, amüsierten uns beim Kosmetikkauf, tranken ein, zwei Bierchen im Flieger. Am Kölner Hauptbahnhof trennten sich unsere Wege gegen frühen Nachmittag.

Zuhause angekommen ließ ich mich auf die Couch fallen. Ich schloss die Augen und war sofort im Tiefschlaf. Um 21:26 Uhr schreckte ich hoch. Schmerzen dieser Art kannte ich nicht. Entsprechend überrascht brauchte ich eine Weile, um sie zu lokalisieren und zu beurteilen. Die Schmerzen kamen aus der Nierengegend. Anhand der nachfolgenden KIP-Skala möchte ich Ihnen gerne verdeutlichen, wie Sie die Situation einschätzen dürfen.

KIP-Skala für SchmerzintensitätIch befand mich  im Intensitätsbereich 10.  Bitte täuschen Sie sich nicht, die Stufen addieren sich. Bis auf 0 und 1 traf jeder beschriebene Zustand auf mich zu. Sollten Sie diesen Wert jemals erreichen, dann herzlichen Glückwunsch. Ich gönne es keinem. Obwohl, wenn ich genau überlege… Mit einem Papiertaschentuch im Mund wanderte ich 10 Stunden lang im Zimmer auf und ab. Ich konnte weder liegen, noch sitzen, eigentlich auch nicht gehen. Mir war schlecht vor Schmerzen und ich musste das Taschentuch laufend wechseln. Es zerbröselte fortwährend vom Krampfen und Schnauben. Den letzten Rest Flüssigkeit schwitzte ich aus. Unfähig, auch nur einen Milliliter durch Trinken auszugleichen. Es war die längste Nacht meines Lebens. Dieses Privileg sollte eigentlich meine Hochzeitsnacht bekommen. Ich fürchte, das wird nicht mehr gelingen. Selbst dem potentesten Eichelbrenner nicht. Die Uhr zeigte auf die rettende Acht. Schon vor Stunden hatte ich alles zusammengepackt, um der erste Patient beim Urologen zu sein. Schleppend, in tief gebückter Schmerzhaltung und unter kontinuierlichem Gestöhne, passierte ich das benachbarte Altersheim. Zum ersten Mal machte ich mir ernsthaft Sorgen. Bereits eine halbe Stunde später zum zweiten Mal. Viel mehr als zuvor.

Mit Blaulicht brachte mich der Krankenwagen nach Köln-Merheim. Der Urologe hatte meine Eiweißwerte im Urin bestimmt und unverzüglich den Rettungsdienst geordert. Plötzliches Nierenversagen. „Haben Sie Schmerzmittel genommen?“ fragte mich der Notarzt auf dem Weg in die Klinik. Ich dachte einen Moment lang nach. „Nein, kein Stück,” gab ich zu Protokoll. Nun wollen Sie wissen, warum ich nicht die Wahrheit gesagt habe. Die Antwort wird Sie nicht befriedigen. Ich weiß es nicht. Ehrlich! Ich war wohl „außer Kontrolle“. Es gibt eine mögliche Erklärung. In Köln-Merheim befindet sich direkt neben dem „normalen“ Krankenhaus die Fachklinik für Psychiatrie. Es war wohl die Angst des Unterbewusstseins, wegen Drogenmissbrauchs ein Türchen weiter abgeliefert zu werden. Wer weiß, vielleicht wäre das rückblickend betrachtet sogar besser für mein weiteres Leben gewesen. Ich blieb jedoch verschwiegen und stellte mich dumm. In den nächsten zwei Wochen durfte mir kein Fehler unterlaufen, komme was wolle. Und es sollte noch Einiges kommen.

Hier geht es zum dritten Teil von „Außer Kontrolle“.

Dieser Beitrag wurde unter Erklärungsversuche, Medizinisches, O.E., Privates, Toxisches abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.