Außer Kontrolle (Teil I)

Man muss sagen, Alfred führt ein komplett anderes Leben. Im Gegensatz zu mir ist er verheiratet, hat Kinder und einen recht entspannten Job. Er fährt ein Familienauto, hat ein Haus gekauft und vermutlich auch längst einen Baum gepflanzt. Heimlich, versteht sich. Alf ist 32 und der typische Familienvater. Geregelter Alltag, feste Pläne für den Vorruhestand und ein kleiner Traktor zum Rasenmähen. Einen Rest Abenteuer-Feeling will man sich schließlich bewahren. Aber Alf trägt etwas sehr Gefährliches in sich. Seine Vergangenheit. Schließlich war er mal einer von uns. Nie so umtriebig wie ich. Jedoch schlimm genug, um sagen zu können, dass das, was in Männern wie Alf schlummert, ein höchst explosives Gemisch ist. Mit einer Halbwertszeit von mehr als 70 Jahren, glauben Sie mir. Das explosive Gemisch besteht in erster Linie aus Wehmut, zu großen Teilen aus Erinnerungen, einer Prise Neid, aus evolutionären Verhaltensmustern und Sexualhormonen. Und sicher noch aus einer Menge anderer Komponenten. Hier soll die Angabe der wichtigsten reichen. Den meisten Pärchen ist dieses Problem bewusst. Es geht vielmehr um eine Optimierung der Methoden, mit denen man dieser Herausforderung begegnen kann. Es gilt, die Bestie in Schach zu halten. Man muss versuchen, sie zu beherrschen. Ein Leben lang. Sehr verbreitet ist die Methode der „Kontrollierten Explosion“. Gemeint ist der von den Ehepartnern in örtlicher, zeitlicher und inhaltlicher Hinsicht vereinbarte Rahmen zur temporären Freilassung der Bestie. Einfacher formuliert: Ab und zu werden Teile des explosiven Gemischs abgefackelt, um eine große, verheerende Detonation zu vermeiden.

Alf und ich waren auf dem Weg zu einer kontrollierten Explosion. Das Münchener Oktoberfest hatte gerufen und wir folgten. „Was ist denn das schon wieder?“ fragte Alf. Wir saßen im Flieger nach München, als mir meine neue Droge einfiel. „Decongestant“, erwiderte ich,  drückte mir eine Tablette aus dem Blister und spülte sie mit Bier hinunter. „Hä?“ Alf sah mich fragend an. „Decongestant. Hab’ ich aus England mitgebracht. Ist gegen verstopfte Nasen.“ Alf konnte damit nichts anfangen. Ich wurde deutlicher. „Mensch Alf, das sind Tabletten, die ich zufällig bei Boots entdeckt habe, dieser Drogeriemarktkette aus England. Da ist Ephedrin drin. Kein Pseudo-Ephedrin wie bei Produkten in Deutschland.“ Alf schaute mich fragender an als zuvor. „Ja und?“ Ich drückte mir eine zweite Tablette aus der Packung. „Aaaalf, Aufputschmittel. Verstehste? Bäääm!“ Ich legte einen Kennerblick auf. „Und das Beste ist, keiner kann was sagen. Legaler Rausch.“ Ich vergewisserte mich noch einmal über die Wirkstoffmenge pro Tablette, bevor ich die dritte schluckte. „Hier komm, nimm eine!“ Das ist das Gute an dem Leid von Personen wie Alf. Die Aufgabe einer kontrollierten Explosion beinhaltet zeitgleich eine Art Verpflichtung gegenüber der Ehefrau. Unverrichteter Dinge wieder heim zu kehren, ohne nachweisliche Teilsprengung, das wäre fatal. Personen wie Alf neigen deshalb dazu, sich meiner Tendenz zur Eskalation bedingungslos auszuliefern. Alf schluckte zwei Tabletten.

Gut gelaunt und fit feierten wir eine grandiose Wiesn. Alf hatte uns extra zwei original bayerische Lederhosen und Trachtenhemden besorgt. Womit wir uns einmal mehr als Sauftouristen outeten. Der Bayer an sich legt Wert aufs Detail. Unsere Chucks wollten irgendwie nicht zum Gesamtbild passen. Weder meine blauen, noch die Chucks mit Totenköpfen von Alf. Welche Verkäuferin ihn da wohl beraten hatte? Unfassbar. Für das „Teufelsrad“ war unser Schuhwerk ebenfalls ungeeignet. Ich hoffe, Sie kennen das „Teufelsrad“. Eines der ältesten Fahrgeschäfte des Oktoberfests. Ein absolutes Muss!

Das Teufelsrad„Komm Alf, das ist lustig”, forderte ich ihn auf. Wir saßen im Teufelsrad-Zelt. Mit uns zirka 300 Leute. Es war brechend voll. Da auch wir unweit dieses Zustands waren, stürmten wir nach vorne, als der Moderator auf unsere Handzeichen reagierte. Das Teufelsrad ist eine Scheibe, die sich in durchaus erträglicher Geschwindigkeit dreht. Ziel des Spiels ist es, sich so lange wie möglich auf der Scheibe zu halten, egal ob stehend oder liegend. „Leicht“, dachten Alf und ich. Bis die drei muskelbepackten Herren mit Seilen in der Hand ihren Auftritt hatten. Sie wurden offensichtlich für zwei Lebensaufgaben geboren. Extremer Muskelaufbau und Leute mit dem Seil von der Scheibe holen. Das Seil warfen sie nacheinander oder auch zeitgleich wie eine Art Angelschnur nach uns. Im Grunde war man chancenlos. Zehn junge, gut aussehende Männer standen auf der Scheibe. Im Publikum saßen mindestens 150 noch besser aussehende Damen, zumeist im Dirndl, die es zu beeindrucken galt. Zuerst verfing sich das Seil an Alfs rechtem Bein. Mit einem meiner Meinung nach viel zu weiblichen Aufschrei wurde er als erster von der Scheibe geputzt. Hörbar unsanft landete er in der Spielfeldbegrenzung aus Schaumstoff. Ich folgte nur kurze Augenblicke später. Gleich zwei Seile umklammerten mich. Eines am Arm und eines am Bein. „Moderne Zweiteilung“, waren meine letzten Gedanken. Dann wurde es dunkel. Der Medizinball traf mich mit voller Wucht. Hatte ich den erwähnt? Das Medizinball-Pendel bringt Abwechselung in das monotone Leben der Muskelmänner. Unachtsamen Teufelsrad-Kandidaten bringt es eine Ohnmacht, mit etwas Pech auch eine Gehirnerschütterung. Probieren Sie es einfach mal aus! Zurück im Festzelt hatten Alf und ich trotzdem eine „moads Gaudi“. Sybille aus Kamen, Andrea aus Unna und der Holzmichel aus der 12.000-Watt-Box waren bei uns an jenem Abend besonders beliebt. Gott sei Dank endet das Oktoberfest um 23 Uhr. Viel mehr als acht Maß, sechs Brezn, vier Jägermeister und fünf weitere Ephedrin-Tabletten wären nur schwerlich drin gewesen. Das heißt, die Tabletten hatte nur ich genommen. Alf äußerte erste Bedenken, als er meine starren Gesichtzüge und großen Pupillen sah. Er lehnte dankend ab.

Geschlafen haben wir bei Lena, einer langjährigen Freundin aus Köln. In weiser Voraussicht übergab uns Lena die Schlüssel zu ihrer Wohnung und quartierte sich selber bei einer Freundin ein. Sie hatte alles richtig gemacht. Alkohol und Ephedrin machten nicht nur optisch ein Monster aus mir. Wahrscheinlich hätte sie kein Auge zugetan. Alf und ich waren alleine in der fremden Wohnung. Sternhagelvoll, dreckig, verschwitzt und so gar nicht müde. Ich zumindest. Alf holte ein kleines Fläschchen aus seinem Kulturbeutel. Meine Neugier war geweckt. Trotz meines Zustands versuchte ich das Fläschchen zu fixieren. „Was ist das?“ lallte ich. „Ein Pyrazolon-Derivat”, antwortete Alf mit selbstgefälligem Unterton. „Hä?“ Ich verstand nix. „Mensch O.E., das ist ein Cyclooxygenase-Hemmer.“ Er dosierte sich exakt fünf Tropfen auf einen Teelöffel und leckte ihn ab. „Habe ich von Miri bekommen. Ist gegen Kater.“ Alf versuchte sich ebenfalls im Kennerblick. „Eigentlich gegen Amputationsschmerzen, aber Miri sagt, fünf Tropfen davon beugen auch einem Kater vor.“ Ich schaute beeindruckt. „Ganz legal. Verstehste? Bäääm!“ Mit diesem Worten zog sich Alf zurück und schlief sofort ein. Auf seiner Seite. Lena besaß ein 90-cm-Bett.

Da standen wir uns nun gegenüber. „Du bist klein, hast einen dicken Bauch, wenig Hals und einen verdrehten Kopf.“ Treffender hätte ich die kleine Flasche nicht beleidigen können. Fachmännisch entfernte ich den Dosiereinsatz aus Plastik und kippte mir den gesamten Inhalt in den Hals. „Bäääm!“ Miri ist Alfs Frau und Miri ist Krankenschwester. „Sie muss wissen, was gut ist”, dachte ich. Alf schnarchte laut und merkte nicht, dass ich mich auf meine Seite des Bettes legte. „Na dann, gute Nacht. Danke Miri. Danke Alf. Schade Lena….“

Hier geht es zum zweiten Teil von „Außer Kontrolle“.

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