Haar(m)lose Dinge

Der Schnee lag einige Zentimeter hoch auf dem Rasen. „Wie gerne würde ich mich jetzt nackt im Schnee wälzen!“ Ich lag auf der Couch im Wohnzimmer meiner Eltern und starrte durchs Fenster in den Garten. Es waren die Weihnachtstage 2008. Richtig gerechnet, erst kürzlich hatte ich die 35 überschritten. Ein Detail, das Sie möglicherweise in die Beurteilung der Geschehnisse einbeziehen möchten. „Wie gerne würde ich mich jetzt im Schnee wälzen. Nackt. Stundenlang.“ Ich begutachtete meinen Körper. Einzig das Saunatuch meines Vaters trennte mich von der Leder-Eckcouch meiner Eltern. Ohne Klamotten und mit gespreizten Beinen lag ich da und würde so wohl auch die nächsten Tage über verharren müssen.

Meine Schwester Carmen und ich haben das elterliche Nest vor vielen Jahren verlassen. Seither finden sich die Eichelbrenners nur zu ausgewählten Anlässen zusammen. Die Weihnachtstage sind ein solcher Anlass. Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Familienmitglieder Richtung Köln, um die Geburt des Herrn zu feiern. Zumindest aber, um dem obersten Hirten zu danken. Das Tischgebet meines Vaters endet stets mit: „Und danke, Herr, dass O.E. dieses Jahr noch in Freiheit verbringen durfte.“ Mein Vater nennt mich nie beim Vornamen. Das liebevolle „O.E.“ (gesprochen: O-Punkt-E-Punkt) hat er im Kreißsaal erfunden und nach und nach alle infiziert. Nur noch wenige Menschen sagen Olaf zu mir. Da macht man nix. Also versuche ich, es als gelungenen Spitznamen zu betrachten und Kapital daraus zu schlagen. Waren Sie heute schon in meinem Shop?

Die Tage um Weihnachten sind stets länger als die restlichen Tage des Jahres. Sie kennen das. Diese Besinnlichkeit erschlägt einen förmlich. Genug Zeit für sinnlose Dinge. Genug Zeit für ausgiebige Körperpflege. Im Bad meiner Eltern findet man allerhand Nützliches. Kosmetikartikel und Werkzeug von deren Existenz nur Wenige wissen. Ich fürchte, vieles davon ist nur in Spezialgeschäften erhältlich. Neben Hornhaut-Raspel und Nagelfräser fiel mir sofort eine große Tube auf. Pilca Enthaarungscreme extra stark. „Wunderbar“, dachte ich. Endlich würde ich meinen Bartwuchs stoppen können. Zumindest länger als mit der morgendlichen Nassrasur. Ich legte los. „Riecht eigentlich ganz gut”, fand ich. Ich schmierte mir die Wange ein und entdeckte den Warnhinweis im Kleingedruckten. „Kann zu Irritationen der Haut führen.“ Schön, dass eine solche Botschaft nur mit Lupe zu lesen ist. Da ich Irritationen ausschließlich meinem Hirn zugestehe, musste die Creme schnell wieder runter. „Puh, Gott sei Dank noch nichts passiert.“ Ich war erleichtert und hatte eine geeignete Ersatzstelle gefunden. Im Falle einer Hautrötung würde es nicht gleich jeder mitbekommen. Die Feiertage im Kreise der Familie erhöhten diese Wahrscheinlichkeit. Eine Annahme, die der erwähnten Kategorie „Hirn-Irritationen“ zugeschrieben werden kann.

Ich begann damit, mein Skrotum mit Pilca einzuschmieren. Lieber etwas mehr als zu wenig. Schließlich handelt es sich hier um ausgesprochen männliches Haar. „Das ist dicker und robuster als Frauenhaar“, rechtfertigte ich das Entleeren der ganzen Tube. Oma habe ich oft beim Kuchenbacken geholfen, und das kam mir nun zugute. Mein komplettes Geschlechtsteil mit Enthaarungscreme zu bedecken, erinnerte ein wenig an das Verzieren einer Torte mit Buttercreme. Und darin war ich Profi.

Erst kürzlich kam ein Bericht über die Huaorani im Fernsehen. Ein südamerikanischer Indianerstamm, der Enthaarungszeremonien durchführte. Ich tänzelte wie Häuptling „Großer Bär“ vom Bad ins Wohnzimmer. Splitternackt. Mein cremig-weißes Gehänge baumelte im Takt der Indianergesänge. „Heya, heya, heya, heya, heyyyyy.“ Ich legte ein Handtuch auf die Couch, bettete mich breitbeinig und schaltete den Fernseher an. Jetzt hieß es abwarten. Ich war völlig entspannt und alleine zuhause. Mama, Papa und Oma Micki machten Weihnachtseinkäufe. Das konnte dauern. Alle Zeit der Welt also, um Pilca, meine neue Wunderwaffe, ausgiebig einwirken zu lassen.

Ein leichtes Ziehen weckte mich 1 ½ Stunden später. Noch etwas schlaftrunken wackelte ich ins Bad. Der Schmerz war nun deutlich zu spüren und ich verzichtete auf das indianische Tanzritual. „Ach du dickes Ei!“ Mit viel kaltem Wasser entfernte ich die zentimeterhohe Salbenschicht. Was zum Vorschein kam, wäre besser darunter verborgen geblieben. Auch wenn die neue Größe meiner „Ausstattung“ dem Häuptling gefallen hätte. Die puterrote Schwellung, die sich über Hoden, Penis und Schambereich erstreckte, bereitete dem Medizinmann größte Sorgen.

Ich war der Situation ausgeliefert. „Da hilft nur kühlen. Reichlich kühlen.“ Ich suchte nach Kühlakkus in der Gefriertruhe. Zuletzt hatte ich diese vor 25 Jahren gesehen. In der braun-orange-farbenen Kühltasche mit Reißverschluss. Unsere Rettung auf der 48-stündigen Autofahrt ins ehemalige Jugoslawien. Mit dem R4 meiner Eltern durchs Balkangebirge. Urlaub pur. Erinnerungen an bessere Tage kamen hoch.  „Wo sind die Dinger bloß?“ Ich fluchte. Kühlakkus. Etwas, das man immer im Haus hat, aber nie braucht. Fast nie. Verzweifelt griff ich nach dem Bofrost-Beutel mit gefrorenen Himbeeren. Besser als nichts. Zurück auf der Couch hielt ich mir die Himbeeren an die kranke Stelle und versuchte klaren Kopf zu behalten. Meine Chancen auf eine schnelle Heilung standen schlecht. „Das sieht sehr schlecht aus, Olaf.“ Auch mit medizinischem Laienverstand war schnell klar, es würde Wochen dauern. Schlimmstenfalls musste ich in die Notaufnahme. Das, was ich da zwischen den Beinen hatte, war jedenfalls… mir fehlten die Worte. Untenrum schwoll alles weiter und wurde zusehends roter. Die Haut glänzte vor Spannung. „Wie beschreibe ich dem Notarzt am Telefon nur den Zustand meiner Geschlechtsteile?“

„Das sieht aus wie…“ Erschrocken fuhr ich mit dem Kopf herum. „Das sieht aus wie der Fleischwurstring, den wir gerade gekauft haben.“ Mama, Papa und Oma Micki standen im Türrahmen und starrten ungläubig auf den Bofrost-Beutel und auf das, was der unter sich begrub. „Mutti, komm, das ist nichts für dich,“ sagte mein Vater hastig zu Oma und zog sie am Arm zurück in den Flur. „Zieh dir was an, O.E.!“ rief er. Meine Mutter stand wie angewurzelt da. Mit aufgerissenen Augen und gerümpfter Nase. „Was ist das?“ Ihr Tonfall vermittelte ein Gefühl des Ekels. „Olaf, was ist das?“ setzte sie nach. „Mama, wo sind die Kühlakkus?“ Ich ignorierte ihre Frage, weil ich keine Antwort wusste. „Im kleinen Tiefkühler, gleich hier oben.“ Mama verließ kopfschüttelnd das Zimmer. „Wie der Fleischwurstring, den wir gerade gekauft haben,“ kommentierte sie noch einmal meine entstellte Männlichkeit.

Mein Blick wanderte zum Fenster. Draußen lag Schnee. „Wie gerne würde ich mich jetzt nackt darin wälzen.“ Die Himbeeren hatten jetzt Körpertemperatur. Mit Sahne sicher ein leckeres Dessert. Einen kurzen Moment lang kam Weihnachtsstimmung auf.

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