Bufotoxin

Es gibt so eine Art „Lieblingsscherz“ der Bürger des kleinen Örtchens, in dem ich aufgewachsen bin. Man begegnet ihm immer wieder auf Straßen- oder Schützenfesten, Karnevalsveranstaltungen, Vereinsfeiern oder zum Tag der offenen Tür des örtlichen Krankenhauses. Und genau um jenes Feld- und Wiesen-Spital geht es. In schier unzähligen Varianten witzeln die Menschen gerne und oft über diese Einrichtung. Der Grund? In einer derart ländlichen Gegend vermutet man keine besonders hochwertige medizinische Versorgung. Somit besteht die größte Angst der Leute nicht darin, einen Unfall zu haben, sondern darin, nach einem Unfall in dieses Krankenhaus eingeliefert zu werden. Das Vertrauen in die Ärzte und Schwestern ist, sagen wir, sehr begrenzt.

„Im Falle eines Unfalls bringen Sie mich bitte in die Universitätsklinik.“ Oder: „Sollte ich aufgrund dieses Unfalls nicht mehr im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte sein, gilt: Bitte bringen Sie mich nicht ins Moritz Hospital.“ Solche und ähnliche Schriftzüge findet man auf selbst gebastelten Schildern. Schilder, die sich die Leute gerne um den Hals hängen, wenn sie auf öffentliche Veranstaltungen gehen. Irgendwann sind diese Schilder jedoch zu einer Art Massenphänomen geworden. Eine geballte Häufigkeit, die – um es vorsichtig zu formulieren – den Witz aus der Sache nimmt. Selbst noch so kreative Schriftzüge machen es nicht besser: „Ich bin Organspender. Um der Wissenschaft mit Würde zu dienen, bringen Sie mich bitte zur Entnahme nicht ins örtliche Krankenhaus.“ Ich selber muss mich mit Kritik am Moritz Hospital zurückhalten, schließlich verdanke ich der Einrichtung meinen Adelstitel.

Kühe melken, Scheune ausmisten, Heu ernten. Haben Sie nie gemacht? Ich schon. Auf einer Klassenfahrt in den Achtzigern. Während heute Disconächte in Lloret de Mar oder Freibierwochen am Goldstrand von Bulgarien als pädagogische Wallfahrt verkauft werden, waren die Schwerpunkte zu meiner Zeit noch handfester. Ich glaube, der Begriff „Workcamp“ stammt aus der Zeit solcher Klassenfahrten. Die schweißtreibenden Arbeiten waren ein Grund mehr für mich, die Tagesabläufe aufzulockern und die 25-köpfige Schulklasse samt Lehrer zu unterhalten. Oft allerdings eher unfreiwillig. Fast unfreiwillig.

Das Stroh musste per Flaschenzug in das dritte Stockwerk der Scheune gehievt werden. Dazu haben wir immer zwei bis drei Ballen am Ende des Seiles befestigt und zunächst in das erste Stockwerk hochgezogen. Von dort aus mit der gleichen Technik in das zweite und dritte. Nun, da diese Arbeiten den ganzen Tage andauerten, kam meiner Meinung nach eine deutlich spürbare Monotonie in die Sache. Aber ich wusste Rat. Anstatt die Strohballen  hinauf zu ziehen, bot ich mich als Gegengewicht an. Meine Klassenkameraden mussten mich an das andere Ende des Seils binden. In Brusthöhe. Dann sprang ich in die Tiefe. Meinen Berechnungen zufolge hatte ich ein ähnliches Körpergewicht wie die Ballen am anderen Ende. „Mein Sprung in die Tiefe wird ganz geschmeidig ausfallen, glaubt mir.“ Mit diesen Worten eliminierte ich letzte Bedenken und sprang. Mathe war neben Chemie mein schlechtestes Fach. Die Atemnot hielt zirka eine Stunde an. Der ungebremste Aufprall aus sechs Metern mit dem Brustkorb voran war denkbar ungünstig. Ich nahm den ungebremsten Sturz und seine Folgen in meine Liste der Nahtod-Erfahrungen auf.

Feldarbeit. Ganz nach Vorbild der Sklavenhaltung in den Südstaaten wurden wir vor allem zur Zuckerrohr-Ernte eingesetzt. Da in dieser sauerländischen Gegend kein Zuckerrohr gedeiht, sollten wir Wurzeln ziehen. Die beim Dreschen der Felder zurückgebliebenen Wurzeln mussten aus der Erde gezogen werden. Per Hand. Echte Fronarbeit. Wir liefen hinter einem Traktor mit Anhänger her, der sich ganz langsam, Reihe für Reihe, über das 25.000 Hektar große Feld bewegte. Bauer Ewalds Sohn Trudpert höchstpersönlich saß am Steuer der Zugmaschine. Unser Neid war groß, schließlich lebte Trudpert einen Männertraum. Und das mit 14 Jahren. Wäre uns sein Vorname nicht stille Genugtuung gewesen, hätte sicher die Gefahr bestanden, dass Neid in Hass umschlägt. Ganz sicher sogar.

Bufo Bufo ist kein afrikanischer Fußballprofi. Bufo Bufo ist der Fachbegriff für die gemeine Erdkröte. Tausende ihrer Art tummelten sich auf dem Acker, den wir gerade bearbeiteten. Dass die Mädels sich davor ekelten, kam mir sehr gelegen. Ich musste nicht lange an einer meiner berüchtigten „Aufmerksamkeits-Strategien“ feilen. „Schaut mal!“ rief ich. Das Platzieren einer Golfball großen Erdkröte auf meiner Zunge unterstrich ich durch das typische Geräusch, das bei Halsuntersuchungen verlangt wird. Mit einem gekonnten „Aaaaaa!“ sicherte ich mir alle Blicke. Die Erdkröte verschwand in meinem Mund, den ich zum Entsetzen der Mädels gänzlich schloss. Die Jungs applaudierten, die Mädels kreischten, Trudpert zeigte mir vom Führerhaus des Traktors aus einen Vogel. Und ich? Ich schluckte. Nein, nicht die Erdkröte, aber eine bitter schmeckende Flüssigkeit. Hastig spuckte ich das Tier aus. Es hüpfte orientierungslos davon. Den Rest des Tages war unsere Versklavung zur Nebensache geworden. Alle bepinkelten sich vor Lachen. Die Erdkröte hatte dieses wohl ebenfalls getan. Wahrscheinlich nicht vor Lachen, vielmehr aus Angst. Wir vermuteten, dass es sich bei der verschluckten Substanz um Urin handelte. Normaler Erdkrötenurin. Dass sich die arme Kröte vor Angst in die Hose gepinkelt hat, war ihr nicht zu verdenken. Als Bufo Bufo rechnet man schließlich nicht damit, plötzlich im Mund eines 13-Jährigen zu landen. Schon gar nicht lebend und am Stück.

An jenem Abend war die lang ersehnte Nachtwanderung angesagt. Ich finde ja, dass man Nachtwanderungen für Erwachsene einführen sollte. Sie wären sicher genauso beliebt wie bei uns im Kindesalter. Keine Ahnung, warum das niemand anbietet. Der nächtliche Ausflug war das Highlight der Klassenfahrt und wir bereiteten ihn gründlich vor. Da wurden Brote geschmiert, frische Klamotten eingepackt, Zahnbürste, Seife, Handtücher und Badesachen verstaut und Chlortabletten mitgeschleppt. Chlortabletten? Falls während der Nachtwanderung die Wasservorräte ausgehen und man eine Pfütze leertrinken muss, um nicht zu verdursten. Sie verstehen!? Sven hatte sich bereits fünf Monate vor der Fahrt ein Überlebensmesser zum Geburtstag schenken lassen. Da war einfach alles dran. Kompass, Säge, Flaschenöffner, Angelhaken, Sekundenkleber, Zahnstocher und ein Geheimfach für Geldscheine. Kombiniert mit einer 45 cm langen Klinge. Was, frage ich Sie, was kann einen Mann da noch auf die Verliererseite des Lebens bringen? Ich werde es Ihnen gleich verraten. Das Messer war noch originalverpackt. „Sven, uns kann nichts passieren. Absolut nichts.“ Wir waren überzeugt, dass uns dieses Messer tatsächlich das Überleben in der sauerländischen Wildnis ermöglichen würde. Im Fall der Fälle. Man weiß ja nie. Während die wichtigsten Dinge in Rucksäcke verstaut wurden, testete ich ein letztes Mal die Funktion meiner Taschenlampe. Es war eine dieser typischen Taschenlampen aus den Achtzigern. Man konnte den in allen Farben erhältlichen, achteckigen Kopf durch Drehen auf diffuses oder gebündeltes Licht einstellen. Oder ihn ganz abnehmen, so dass die kleine, runde Glühbirne frei lag. Mein Test bestand darin, mir diese kleine Glühbirne an den Schniedel zu halten und meine Vorhaut wie einen Lampenschirm darüber zu stülpen. In grellem Rot scheint so der gesamte Penis und erinnerte an den leuchtenden Finger von E.T., wenn der nach Hause telefonieren wollte. Apropos „nach Hause“. Die Nachtwanderung endete für mich recht zeitnah. Bereits nach wenigen Metern musste ich den Heimweg antreten. Mir ging es sehr schlecht. Mein Gesicht war blass-grün-gelb verfärbt. Ich konnte weder sprechen noch laufen und sackte regelmäßig zusammen. „Olaf Eichelbrenner, wenn das wieder einer deiner Scherze ist, dann…“, mahnte die Lehrerin. Es war das Letzte, an das ich mich erinnern konnte. Sven hatte während meiner Ohnmacht wohl vorgeschlagen, mit seinem Überlebensmesser einen sauberen Luftröhrenschnitt zu machen. Glück im Unglück, dass die Lehrerin entschied, mich zunächst ohne OP zurück ins Lager zu bringen. Ich wurde mit Händen und Füßen an einen dünnen Baumstamm gebunden, den zwei Kameraden schulterten. Mein Hintern baumelte dabei verdammt nah am Boden. Die Narben der Schürfwunden muss ich heute noch oft erklären. Die Nacht war zum Kotzen. Im wahrsten Sinne. Keine angenehme Sache, wenn man in einem Fünf-Mann-Zelt untergebracht ist. Ohne fließendes Wasser. Ohne medizinisches Personal. Als ich am nächsten Morgen von meiner Mutter abgeholt wurde, konnte ich nur ganz verschwommen erkennen, was ich angerichtet hatte. Ich hatte mich im hohen Bogen und mehrmals über alle Mitschüler erbrochen. Als ich abtransportiert wurde, sah ich die Schlafsäcke in der Sonne trocknen. Das Zelt wurde gerade mit einem Hochduckreiniger gesäubert.

Auf der Fahrt ins Moritz Hospital wurde kaum geredet. „Was soll ich denn denen im Krankenhaus jetzt sagen?“ fragte ich meine Mutter. „Die Wahrheit, was sonst!?“ erwiderte sie emotionslos. „Und das mit den Zecken kannst du auch gleich sagen”, fügte sie hinzu. „Was für Zecken?“ hakte ich nach. „Die sich da in deinen Arm gefressen haben.“ „Auch das noch!“ Die ersten 15 Meter der Nachtwanderung waren scheinbar die gefährlichsten. Ich hatte zwei prallgefüllte Zecken in meinem Arm. „Auch das noch“, flüsterte ich schwach, bevor ich wieder in einen Halbschlaf fiel.

„Professor Klingenberg, bitte in die Ambulanz. Prof. Klingenberg bitte.“ Mein Fall war eine willkommene Abwechslung vom Klinikalltag. Mindestens 10 Ärzte und Schwestern versammelten sich um mein Krankenbett. Professor Klingenberg betrat den Raum und adelte mich: „Ah, da ist ja unser Froschkönig“, sagte er. Alles lachte. Meine Mutter ebenfalls. Wie ich sie kenne, jedoch mehr aus Höflichkeit. Olaf, der Froschkönig. Diesen Titel durfte, oder besser, diesen Titel musste ich von nun an tragen. Wenn so etwas erst mal die Runde macht. Der Bestand an „Lieblingswitzen“ erweiterte sich jedenfalls um eine gern erzählte Geschichte. Die vom Froschkönig.

Und so, wie man es vom Moritz Krankenhaus verlangen konnte, wurden mir die Zecken unfachmännisch entfernt. Die Köpfe ließ man vorsichtshalber drin. Wohl in der Hoffnung auf eine Hirnhautentzündung. So ein Landkrankenhaus braucht schließlich medizinische Herausforderungen. Übelkeit, Erbrechen und halluzinogene Zustände der letzten 24 Stunden wurden von Prof. Klingenberg der Wirkung des Bufotoxin zugeschrieben. Ein Sekret, das Erdkröten über ihre Hautwarzen auf dem Rücken absondern. Und da man mit solchen relativ seltenen Substanzen kein Risiko eingehen darf, musste ich acht Tage zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Mehr hätten es auch wirklich nicht sein dürfen, denn die Batterien meiner Taschenlampe gingen zur Neige.

„Olaf nach Hause telefonieren!“

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