Gegessen wird zuhause

Dienst an der Waffe? Keinesfalls! Ich habe Zivildienst gemacht. Schade eigentlich, dass die Pflichtzeiten für den Ersatzdienst heute so viel kürzer sind. Rückblickend betrachtet hatten 15 Monate mobiler Pflegedienst sicher mehr Inhalt als ein ganzes Jahrzehnt RTL-Nachmittagsprogramm. Alte Menschen sind in vielerlei Beziehung wie kleine Kinder. Ihre Reaktionen sind direkt und ehrlich, knallhart, manchmal verletzend, oft herrlich komisch und mitunter wunderschön. So etwas kann man nicht mit der Kamera einfangen.

Jeden Morgen fuhr ich um Punkt 07:00 Uhr mit meinem klapprigen Caritas-Dienstwagen bei den Mischows vor. Der VW Polo war bereits ein Oldtimer und drohte täglich mit dem letzten Atemzug. Die Mischows dagegen waren viermal so alt. Weit über neunzig, doch bestens in Schuss. Mal abgesehen davon, dass Herr Mischow blind war, nicht mehr alleine gehen konnte und von Gicht und Parkinson geplagt war. Seine Lieblingsbeschäftigung war es, im 200 Jahre alten Ohrensessel zu sitzen und dem TV-Röhrengerät von 1961 zu lauschen. Schauen ging ja nicht mehr, aber hören war kein Problem. Zumindest dann nicht, wenn die richtige Lautstärke eingestellt war. Glück für Herrn Mischow, dass sein fossiler Fernseher locker die 180 Dezibel-Grenze knackte. Frau Mischow war zu bewundern. Die beiden wohnten in einer winzigen Zweizimmerwohnung, ein Schlafzimmer, ein Wohn-Ess-Bereich und ein kleines Bad. Frau Mischow hatte nicht die geringste Chance, sich dem ohrenbetäubenden Dröhnen des Fernsehers zu entziehen. Auf Dauer unerträglich. Sie nahm einfach ihr Hörgerät raus. Ganz pragmatisch, ohne Aufregung. „In diesem Alter hat man einfach schon zu viel durchgemacht, da erscheinen solche Dinge völlig belanglos“, ging es mir durch den Kopf. Ich wünschte, ich hätte mehr von dieser inneren Ruhe.

Ich mochte alle Patienten sehr gerne. Die Mischows aber liebte ich besonders. Sie waren nach 70 Ehejahren immer noch verliebt und zeigten sich das bei jeder Gelegenheit. Ich war stolz, Teil eines täglichen Rituals zu sein: Während Herr Mischow und ich mit der Körperpflege beschäftigt waren, bereitete Frau Mischow ihrem Mann das Frühstück. Obwohl er seit Jahrzehnten keinen Bartwuchs mehr hatte, bestand Herr Mischow auf die tägliche Nassrasur und sein Old Spice. Glauben Sie mir, ich habe oft versucht, ihm diesen Duft auszureden. Es war zwecklos. „Sonst erkennt mich meine Frau nicht mehr. Die sieht doch so schlecht.“ Eigentlich ein gutes Argument. „Da haben Sie Recht, Herr Mischow”, antwortete ich ohne ihn daran zu erinnern, dass er der Blinde von beiden war. Nach 45 Minuten brachte ich ihn dann in seinen Ohrensessel. Frau Mischow nahm die liebevoll geschmierten Schnittchen und ging zu ihrem Mann. Sie streichelte ihm zart über die Wange, wünschte ihm einen guten Morgen und einen noch besseren Tag. „Mit Gottes Hilfe,” fügte sie hinzu und gab ihm einen Kuss auf die frisch rasierte Wange. Herr Mischow spitzte manchmal bereits im Badezimmer die Lippen und kam mir mit dem Gesicht entgegen. „Heute nicht, danke für das Angebot.“ Ich musste lachen. „Das mit dem Küssen lassen Sie mal Ihre Frau machen. Wir sind gleich fertig.“

Das war toll. Herr und Frau Mischow hatten sich noch immer sehr lieb. Körperlichkeiten jedoch, darauf mussten sie sich vor Jahren geeinigt haben, durfte man sich auch außerehelich holen. „Herr Mischow, wenn das ihre Frau wüsste”, schimpfte ich laut. Beim Waschen bekam er regelmäßig eine Erektion. „Sie sind mir einer!“ Meinen mahnenden Zeigefinger hielt ich mit ca. 1 cm Abstand vor seine Augen. Auch irgendwie überflüssig. Ich musste schmunzeln. „Aber gegessen wird zuhause”, verwarnte ich Herrn Mischow. Trotz seiner milchig, weiß-blinden Augen schaffte er es, in dieser Situation völlig unschuldig dreinzuschauen. Bis auf ein kleines, fast unmerkliches Schmunzeln. Das Schmunzeln eines Lausbuben. Ich seufzte. Achselzuckend redete ich mir gut zu. „Wer weiß, wie wir mal in dem Alter sind!?“ Ich betrachtete seine Erektionen fortan als das gute Recht eines über 90-jährigen, pflegebedürftigen Mannes. „Solange die Mischows keine Swinger sind und Frau Mischow gleich zu uns stößt, nackt, nur mit venezianischer Maske bekleidet…“ Meine Fantasie ging mit mir durch und mir fiel ein Pornotitel ein: „Junges Gemüse und altes Gestrüpp“. CUT.

Mit der Zeit sahen die Mischows so eine Art Enkel in mir. Sie selber hatten traurigerweise beide Kinder überlebt. Enkelkinder hat es nie gegeben. „Der liebe Gott hatte andere Pläne mit uns”, sagte Frau Mischow, wenn sie das Leben Revue passieren ließ. Oft blieb ich auf Wunsch der beiden noch zum gemeinsamen Frühstück. Auch mein Brot wurde dann von Frau Mischow in mundgerechte Stücke geschnitten. Ab und zu bestand ich darauf, dass sie ihren Mann und mich im Wechsel fütterte. Wir lachten uns schlapp.

„Guten Mooooooorrrrrgggeeeeennn!“ rief ich fröhlich. Trotz einer furchtbar schweren Erkältung. Ich hatte Fieber. Frau Mischow war bereits fleißig in der Küche zugange. Herr Mischow lag wie üblich noch faul im Bett. Zu Beginn des Zivildienstes bekommt man beigebracht, wie man mit wenigen Handgriffen andere Menschen heben, hinlegen, umdrehen und aufstehen lassen kann. Ich drehte Herrn Mischow zur Bettkannte, zog an seinem Arm und richtete ihn auf. „Verdammte Erkältung”, fluchte ich. „Moment, Herr Mischow.“ Ich machte eine Pause. Herr Mischow verharrte in dieser unbequemen Position. „Herr Mischow, ich brauche ’ne Sekunde, entspannen Sie sich.“ Ich musterte ihn. „Ich muss mal gerade telefonieren.“ Ich legte Herrn Mischow wieder hin und deckte ihn zu. Auf dem Weg zur Haustüre lächelte ich Frau Mischow zu. „Ich muss mal gerade telefonieren. Bin gleich wieder da.“ Nach dem Telefonat setzte ich mich erst mal an den Küchentisch. „Verdammte Erkältung“, erklärte ich Frau Mischow. “Ich bin heute zu schwach und habe Verstärkung angefordert, um ihren Mann aus dem Bett zu bekommen.“ Frau Mischow nahm meine Hand und streichelte sie sanft. „Olaf, kommst du denn trotzdem noch ab und zu vorbei?“ „Klar, Frau Mischow.“ Mir schossen Tränen in die Augen. „Es tut mir so leid, Frau Mischow.“ Ich weinte jetzt bitterlich. „Ihm geht es gut, mein Junge. Mit Gottes Hilfe geht es ihm jetzt gut.“ Frau Mischow stand auf und berührte mein Gesicht. Sie gab mir einen Kuss auf meine frisch rasierte Wange. Dann öffnete sie die Haustür. Die Stationsleiterin und der Arzt hatten bereits mehrmals geklingelt.

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