Alles Gute kommt von oben

Ich male mir oft aus, wie ich damit umginge, falls es tatsächlich mal jemand schreiben würde. „Herr Eichelbrenner trug stets zur Verbesserung des Betriebsklimas bei.“ Ein solcher Satz im Arbeitszeugnis wäre mein berufliches Aus. Jeder weiß, diese Formulierung meint im Grunde, dass der Herr Eichelbrenner sich ganz gerne einen kippt. Und zwar nicht nur in seiner Freizeit.

Ganz unverständlich wäre es nicht. Die Medienbranche ist oberflächlich und stressig. So wie ich pflegen viele einen lockern Umgang mit Alkohol und anderen Drogen. Es sprach also nichts dagegen, zusammen mit den Münchener Kollegen, fünf bis zehn Flaschen Bier im Büro zu kippen. An einem Mittwochnachmittag. Zur besten Arbeitszeit. Hier in Bayern war ich eine Art Gastarbeiter, ausgeliehen von der Kölner Homebase. Zirka alle zwei Wochen unterstützte ich die Mannschaft jenseits des Weißwurstäquators. Redaktionell und beim Trinken. In der Küche der Büroetage war stets ein eisgekühlter Vorrat Augustiner, mit etwas Glück auch Hochprozentiges, zu finden. Abwechslung bei der Flüssigkeitsaufnahme war schließlich das gute Recht eines jeden Trinkers. Saufen auf Firmenkosten. Was kann schöner sein? Regelmäßig entglitten solche Veranstaltungen und bekamen herrlich pathologische Züge. Kleine, kranke Geschichten, an die man sich gerne erinnert. Wie an diese.

Immer runter mit dem Zeug, bis auch das letzte Fünkchen Kontrolle verloren ist. Birgit Reiferscheid, die Münchener Redaktionsleiterin, hatte ihre Selbstachtung bereits vor Jahren verloren. Es war so gegen 16 Uhr als Birgit zum zweiten Mal vom Klo zurückkam. Sowohl auf ihrem Sommerkleidchen als auch in ihren Mundwinkeln waren noch deutlich unverdaute Essensreste zu erkennen. Kotzen ist in meinen Kreisen aber kein anerkannter Grund zur Kapitulation. Wir schenkten ihr nach. „So, wer fickt mich denn jetzt mal?“, lallte Birgit, als sie sich zurück auf den Teppichboden setzte. Oder besser, als sie sich legte. „Für die Belange der Belegschaft bewies Herr Eichelbrenner stets großes Einfühlungsvermögen.“ Auch dieser Satz stünde völlig gerechtfertigt in meinem Zeugnis. Ich schleppte mich samt meiner wesentlich älteren Vorgesetzten ins leere Nachbarbüro.

„Scheiße, das schaffe ich doch nie!“. Meine panische Bemerkung ging im Applaus der Kollegen unter. „Scheiße man, das schaffe ich nie!“ Birgit sah etwas derangiert aus. Sie wurde ebenfalls mit Applaus empfangen. Stolz formte sie die Finger ihrer rechten Hand zum Peace-Zeichen, dazu ein leichtes Headbangen. „Völlig schmerzfrei die Frau.“, dachte ich. In Windeseile packte ich meine Sachen zusammen, griff meinen kleinen Reisekoffer und hastete zur Bahnstation. „Falls ich die S-Bahn verpasse, kann ich den Flieger auch vergessen.“ Die letzten anderthalb Kilometer sprintete ich. Geschafft. In letzter Sekunde sprang ich in den Wagon.

Die Fahrt von Unterföhring zum Flughafen dauert über 30 Minuten. Ich fing an zu schwitzen. Drei Dinge waren dafür verantwortlich: Der Sprint im Vollrausch, eine bis zur Oberkante gefüllte Blase und das fehlende Ticket. Ich suchte mir ein ungestörtes Plätzchen ohne Sitznachbarn. Drei Dinge waren dabei maßgeblich: Ich konnte in Ruhe schwitzen, es wäre weniger peinlich, wenn ich beim Schwarzfahren erwischt würde, und im Notfall würde ich unbemerkt in eine herumliegende Flasche pinkeln können. Letzteres war sehr wahrscheinlich. Die Fahrkartenkontrolle blieb aus. Dennoch war die Fahrt alles andere als entspannt. Vielleicht wäre es sogar besser gewesen, wenn jemand nach einem gültigen Ticket gefragt hätte. Jede Art der Ablenkung von der unerträglichen Notdurft wäre mir recht gewesen. Der Blick auf die Uhr verschlimmerte meinen Zustand. Blanke Verzweiflung. Auch am Flughafen hätte ich keine Zeit für einen Toilettenbesuch.

Es ging weiter. Quer durch den gesamten Gebäudekomplex zum Terminal von Air Berlin. Die Leibesvisitation inklusive Ausziehen der Schuhe, das Starten des Laptops, der Gürtel, das zweimalige Durchleuchten meines kleinen Reisekoffers, das Öffnen des Koffers, das Wegschmeißen des Haarsprays. All das empfand ich nur als dumpfen Schmerz. Völlig unbedeutend im Vergleich zur desolaten Gesamtsituation. „Der Herr Eichelbrenner.“, empfing mich die Dame am Check-in. „Bitte, lassen Sie das, mir geht es nicht gut.“ Ich war der einzige Fahrgast im Bus zum Flieger. Mir schossen Tränen in die Augen. Ehrliche Tränen. Tränen ehrlicher Verzweiflung. Es würde bis zum Erlöschen der Anschnallzeichen keine Gelegenheit geben, der Qual ein Ende zu bereiten.

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