Braunes Gedankengut

Alles an Michael ist etwas größer. Er misst 1,98 Meter, hat Schuhgröße 47, manchmal auch 49 und extrem großen Mut. Erheblich mehr als andere, denn er war drei Jahre lang mein Mitbewohner. Uns verband vor allem ein überdurchschnittlich ausgeprägter Wahnsinn. Danke, Michael, für eine wirklich großartige Zeit. Und vielen Dank für die folgende, wirklich großartige Geschichte.

Stehen Sie auf Füße? Da gibt es ja sehr unterschiedliche Ansichten. Ich finde in meinem Freundeskreis Mädels, die ihre eigenen Füße hassen, aber Männerfüße lieben. Mädels, die Frauenfüße anmutig finden, ihren Freunden aber das Tragen von Flipflops strengstens untersagen. Männer, die ihre eigenen Füße samt Nagelpilz und Schrunden toll finden. Und Herren, die alles dafür geben würden, zwanzig Damen in Reihe nacheinander oder gleichzeitig die Füße lecken zu dürfen. Ebenfalls samt Nagelpilz und Schrunden.

Ich bin da unschlüssig. Man kann ja relativ wenig gegen dieses Körperteil unternehmen und muss sich wohl oder übel mit seiner Existenz abfinden. Trotzdem erregen Füße auch meine Aufmerksamkeit. Vor allem, wenn sie in Schuhe mit Größe 49 passen. Kein Witz, 49. Da ich es kaum glauben konnte, habe ich Michaels Schuhe oft heimlich anprobiert und bin damit durch unsere Wohnung gelaufen. Langgelaufen. Skilanggelaufen. Unglaublich die Dinger. Nie wieder sind mir derart große Schuhe, geschweige denn solch riesige Füße begegnet.

Es war ein Sonntag, das Nachmittagsprogramm lief, und wir erholten uns wortlos von einer durchzechten Nacht. Michael lag auf seiner Couch, ich auf meiner gegenüber. Richten Sie jetzt mal mit voller Kraft ihre beiden Augen ganz weit nach rechts oder links. Den Blick so richtig pressen. Komisch, oder? Mit jenem Schwindelgefühl und einer dadurch ausgelösten, leichten Übelkeit verfolgte ich abwechselnd das Bild des Fernsehers und das Spiel von Michaels nackten Füßen. Ich konnte mich irgendwie nicht entscheiden. Fernseher oder Füße? Beides war auf eigene Weise sehr unterhaltsam. Er rieb seine 49er Tatzen unermüdlich aneinander. Mit seinen dicken „Onkeln“ putzte er die Zwischenräume des jeweils anderen Fußes oder aber er hob zur Abwechslung die gemeinsam genutzten Kissen mit geschickten Klammergriffen der Zehen an und ließ sie wieder fallen. Meine Phantasie ging mit mir durch. Wie viel Gramm mehr Nägel und Hornhaut seine Füße wohl im Vergleich zu meinen produzierten? Ich meine, so aufs komplette Leben hochgerechnet!?

Jetzt wissen Sie, in was für einer Stimmung ich mich befand, als Michael anfing, sich ergänzend zu jucken. Wie richtige Männer das manchmal so machen. Rein mit den Fingern in die Unterhose und kräftig am Sack gekratzt. Nennen wir das Kind doch beim Namen. Auffallend war in diesem Fall jedoch, dass seine Hand in den hinteren Teil der Hose wanderte. Ich war zu schwach, um zu protestieren. Des Weiteren auffallend: Die Dauer dieser Prozedur. Sie war ekelhaft lang. Gerade hatte ich es geschafft, mich wieder völlig aufs TV-Programm zu konzentrieren, da war Michael fertig, zog seine Hand aus der Hose und machte eine für die Situation eher ungewöhnliche Bewegung. Seine „Kratze-Hand“ wanderte Richtung Gesicht. Ich gab der Neugier nach und ließ meinen Kopf verzweifelt nach links fallen, um mich zu vergewissern, dass hier eine Sinnestäuschung vorlag.

Mit weit aufgerissenen Augen sprang ich von meiner Couch, fuchtelte wild und hilflos mit den Händen und brüllte: „MICHAEEEEEEL!“ Zu spät. Ich musste dabei zuschauen, wie er sich die dick braun verschmierten Finger in den Mund steckte und genüsslich ableckte. „MICHAEEEEEEEL, DU SCHWEEEEEIIIIIINNN!“, brüllte ich fassungslos. Ich würde behaupten, dass mich im Leben wenig schocken kann. Ich habe da so eine natürliche bzw. unnatürliche Distanz zu den Dingen. Aber das war selbst für mich zu viel. Michael leckte immer noch. Völlig unberührt von meinem Entsetzen. Bis auf die hochgezogenen Mundwinkel, die ich als süffisantes Lächeln erkannte. Begraben unter den braunen Abgründen einer kranken Seele. Ich rannte aus dem Wohnzimmer, vorbei an der Küche, Richtung Bad. Kopfschüttelnd, schimpfend und mit vorgehaltener Hand. Ich würgte mehrmals, aber ich konnte nicht kotzen. „Nachhelfen“, dachte ich, „dann geht’s dir gleich besser.“ Ich steckte mir den Finger tief in den Hals und stocherte im Rachenraum herum. Unterstützend erinnerte ich mich an die Hornhaut- und Fußnägelberge.

Mit glasigen Augen blickte ich in den Badezimmerspiegel. Noch immer hallte Michaels hysterisches Lachen aus dem Wohnzimmer. Während ich mir Wasser durchs Gesicht laufen ließ, überlegte ich, ob ich besser mit der Faust oder mit einem seiner übergroßen Schuhe zuschlagen sollte. Die Schuhe erschienen mir geeigneter, sonst hätte ich nachher noch eine verschmierte Hand. Plötzlich verschwanden jene Gedanken. Ich starrte in den Spiegel, drehte mich zur Tür und ging zurück Richtung Küche. Sollte ich in den Sekundenbruchteilen, in denen ich daran vorbeigerauscht war, wirklich das Unfassbare gesehen haben?

Michael lachte noch einmal lauter auf, als ich den schmutzigen Löffel auf der Arbeitsplatte liegen sah. Daneben das 1 ½-Kilo-Glas mit Nutella. Eine Sonderedition zur Fußball-WM 1998. Wie geht noch gleich der Slogan? „Nutella aufs Brot. Da hast Du was drauf!“

Bis heute leide ich unter diesem Zwischenfall. Aus dem Nichts blitzen Bilder aus jenen Tagen auf und rauben mir jegliche Lebensfreude. Am soeben servierten Abendessen oder an Ramona, der ich beim Sex immer häufiger angewidert ins Gesicht starre. In schlimmen Momenten denke ich dann schnell an den kleinen Zettel mit der Telefonnummer, der seither in meinem Portmonee wohnt. Es ist die Nummer des Verfassungsschutzes in Köln. Sind die nicht verpflichtet, mit aller Macht gegen „braunes Gedankengut“ vorzugehen?

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