Busenfreunde unter sich

Es gab mal eine Zeit, die ich rückblickend als “experimentelle Phase” beschreiben würde. Grob  geschätzt dauerte diese Phase von meiner Geburt bis heute. Der Versuch, mit meiner Schwester Carmen eine Wohnung zu teilen, war eines dieser Experimente. Und es hat bleibende Eindrücke hinterlassen. Nachfolgende Szenen stammen aus jenen Tagen:

Gedankenverloren stand ich im Badezimmer und war mit der Zahnpflege beschäftigt. In Unterhose, oben ohne. Nichts deutete auf Unregelmäßigkeiten hin, als Carmen dazukam. Ich rechnete mit einem “Morgen” oder aber, im Falle weniger guter Laune, mit einem Grummeln. Umso mehr überraschte mich das etwas angeekelt klingende:

“Du hast ja ‘ne Titte!”.

Na ja, warum nicht, auch eine Art, den Tag willkommen zu heißen. “Du hast ja ‘ne Titte!”, wiederholte ich schmunzelnd und wollte zu einem Lacher ausholen. Der Blick in den Spiegel ließ mich schlagartig erstarren. Während mir der erste Zahnpastapeichel unkontrolliert aus dem Mundwinkel tropfte, sah ich die Bescherung. Ich hatte tatsächlich eine Titte. Links. Auf der rechten Seite schien alles in Ordnung. Aber links? Pubertierende Mädels sehen ähnlich aus. Im Regelfall jedoch beidseitig. Beängstigend, wie deutlich sie zu sehen war, meine golfballgroße Knospe mit ihrem metallischen Lächeln. Schrecklich. Metallisches Lächeln? Gut, was ich bisher nicht erwähnte: Ich war zu dieser Zeit gepierct. Der kleine, geschwungene Edelmetallstab mit seinen Kugel-Enden wirkte nun wie ein grinsender Mund. Er schien sich über das, was er angerichtet hatte, köstlich zu amüsieren.

Jeder andere hätte solch einen Makel sicher verschwiegen und heimlich untersuchen lassen. Als Laie vermutet man schließlich Schlimmeres. Dass es sich um eine Geschwulst handelte, war offensichtlich. Gut- oder bösartig, egal, wann hat man schon mal Gelegenheit, mit so authentischen Requisiten ein Comedy-Programm aufzuführen. „Carmen, was ist das?“ „Eine Titte!“„Das sehe ich, aber warum nur einseitig? Was soll ich damit?“ Mir war noch nicht ganz klar, warum mir der liebe Gott über Nacht diesen Körper schenkte. Es folgte die Anprobe eines roten BHs meiner Schwester, bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit machte. Beim Hinunterlaufen des Treppenhauses spürte ich, wie mein neues Weichteil zart mitwippte. Mir fiel Ramona ein. Ich war damals der einzige Junge meiner Schulklasse, der das Fach „Tänzerische Gymnastik“ gewählt hatte. Wir tanzten ausschließlich zu einem Song. „La pulce d’Acqua“ von Angelo Branduardi.

Konkurrenzlos konnte ich so allwöchentlich Ramona beim Schwingen der Bänder, Seile, Keulen und Brüste beobachten. Ramona hatte eine unglaubliche Oberweite. Und das  mit 14 Jahren. Heute hat sie sicher mehrere Rücken-OPs hinter sich.

Im Ramona-Glücks-Taumel erzählte ich also der ganzen Welt von meinem neuen Körperteil. Jeder, der wollte, durfte es sich anschauen. Und jeder, der nicht wollte, musste es sich anschauen. Den größten Neid erntete ich bei meinem Cousin Lorenz-Gildo. Nein, sein Nachname ist nicht Eichelbrenner, um der Standardnachfrage an dieser Stelle zuvor zu kommen. Er heißt Rübsam. Mein Cousin Lorenz-Gildo Rübsam ist seit langer Zeit geoutet und lebt im Oberbergischen. Als Friseur, versteht sich. Wer das Oberbergische kennt, weiß, was so ein Dorfleben für einen schwulen Mann bedeutet. Schnauze halten und möglichst nichts anmerken lassen. Lorenz-Gildo dagegen hatte sich für den Konfrontationskurs entschieden. Sein Stelldichein mit dem örtlichen Pfarrer wäre hier aber nicht standesgemäß abgehandelt und bekommt ein eigenes Kapitel. „Maaaaannoooo, warum kann mir das nüsch passiern?“, war seine Reaktion, als ich ihm von meinem Leid erzählte. „Isch hab nie Glück im Lääben.“, fügte er nasal hinzu. Anstatt mich zu bemitleiden, startete er gedanklich bereits erste Marketingmaßnahmen. „Zeigefreudiges Schwanzmädel sucht…“, schlug er als neugierig machende Headline für eine Kontaktanzeige vor.

Ich entschied ich mich für einen Arztbesuch. Man weiß ja nie. Da ich eine leise Vorahnung hatte, nahm ich das Piercing raus, bevor mich mein Hausarzt untersuchte. Naiv von mir zu glauben, dass er die Größe meiner durchlöcherten Mamille nicht hinterfragen würde. Ich räumte ein, Körperschmuck getragen zu haben. Zu Recherchezwecken. Ich ritt mich immer tiefer rein. Die gerechte Strafe für meine Lügen war ein Termin zur Mammographie. Nun, für alle Männer, die ihre Frauen noch nicht begleitet haben, geschweige denn, bereits selber das Vergnügen hatten, nachfolgend ein Bild.

Frauen unter sich. Ich saß im Wartezimmer und schaute mir unauffällig die Brüste der Leidensgenossinnen an, als ich aufgerufen wurde. „Frau Eichelbrenner bitte.“ Meinem Cousin Lorenz-Gildo hätte es sicher gefallen. Ich lächelte verlegen. Man kann sich ausmalen, dass es für Frauen ein unangenehmes Gefühl sein muss, die Brust dermaßen zusammenquetschen zu lassen. Für jemanden, der im Körper eines Mannes geboren wurde, ist es die Hölle. Was sich auf der linken Seite dank meiner Knospe noch halbwegs machen ließ, wurde beim Vergleichsfoto von der rechten Brust zur Tortur. Da ist halt nichts zum Einspannen in die Röntgenmaschine. Dachte ich. Schwester Silke belehrte mich unter Schmerzen eines Besseren.

Dr. Petersen hatte wohl schon zu viele schlechte Nachrichten überbringen müssen und sich über die Jahre eine ganz eigene Art von Humor zugelegt. „Glückwunsch, Herr Eichelbrenner“, sang er mir fröhlich ins Gesicht. (Nur nebenbei: Ich saß in diesem Moment wieder im Wartezimmer.) „Glückwunsch, Herr Eichelbrenner, wenn sich alles weiter so prächtig entwickelt, können Sie in drei Wochen stillen.“ Wessen bezichtigt? „Stillen?“, frage ich. „Ja, gehen Sie mal lieber zum Urologen. Hat vielleicht was mit ihren Hoden zu tun. Gynäkomastie.“ Der Arzt händigte mir, laut lachend über seinen eigenen Witz, die Röntgenbilder und die Überweisung aus.  Leicht benommen von so viel Humor und Brustschmerz ließ ich die anderen Damen im Wartezimmer zurück und torkelte aus der Praxis.

Die Definition trieb mir Tränen in die Augen. Im großen Brockhaus der Medizin, ein Lexikon, das mir meine stets besorgte Mutter zum Einzug in die erste eigene Wohnung schenkte, hieß es: Gynäkomastie: Weibliches Brustwachstum beim Manne, meist ausgelöst durch einen hormonproduzierenden Tumor im Nebenhoden.

Herrlich, Hodenkrebs! Ich hasste Dr. Petersen und seine Scherze. Nachdem ich mich etwas beruhigt und mit dem Gedanken an einen zeitnahen Tod abgefunden hatte, dachte ich über lebensverlängernde Maßnahmen nach. Eine offizielle Diagnose wäre ein guter, erster Schritt. Ich rief Jana an. Sie war die beste Freundin meiner Schwester Carmen. Wir kannten uns vom Sehen.  „Jana, sag mal, ich habe Hodenkrebs. Dein Vater ist doch Urologe, meinst du, der kann mich untersuchen?“ „Klar. Warte, ich gebe ihn dir.“ Janas Vater war ähnlich unkompliziert und hat mich noch am gleichen Abend untersucht. Ich habe ihm allerdings auch keine Wahl gelassen und bestand mit weinerlicher Stimme auf die Ultraschallbehandlung um Mitternacht. Jana begleitete uns in die Praxis. Und ins Behandlungszimmer. Das war wohl der Preis, den ich für diesen spontanen Untersuchungstermin zahlen musste. Während sie ihrem Vater dabei zusah, wie er meinen Hoden durchleuchtete, stelle ich mir vor, dass Jana dieser Untersuchung aus rein medizinischem Interesse beiwohnte. Sie würde in seine Fußstapfen treten wollen und war über das Ergebnis der Untersuchung sicher genauso erstaunt wie ich. „Das sind Hautreste.“, sagte ihr Vater

Hoden sind Hautreste? Wie lässt sich das evolutionär erklären? Ich suchte nach einer passenden Formulierung meiner Frage. Janas Vater kam mir zuvor: „Das sind Hautreste, die bei einer OP vergessen wurden und Krampfadern. Schöne Krampfadern. Wie im Lehrbuch.“  „Ziemlich viel drin in dem kleinen Säckchen.“, schoss es mir durch den Kopf. „Ja wie, kein Krebs?“ „Kein Krebs. Nur Hautreste und Krampfadern. Die Geschwulst in der Brust ist möglicherweise eine allergische Reaktion auf den Fremdkörper. Da waren bestimmt Nickelanteile im Schmuck.“ So lautete also die offizielle Diagnose. Diese lebensrettende Nachricht ließ ich mir selbstverständlich schriftlich geben und machte gleich am nächsten Tag einen Termin. Beim Piercer. Ein Materialfehler sollte auf der rechten Seite nicht mehr vorkommen…

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